Das Liebesleben der Pflastersteine

Als ich letztens durch „meine“ von Baggern aufgebuddelte Kopftseinpflasterstraße lief und die lieblos aufgeschütteten Steinhaufen sah, kam mir ein Gedanke in den Kopf geschossen. Ich erinnerte mich an meine Schulzeit. Warum? Nun ja, es gab zu dieser Zeit einen Raum mit der Nummer 302. Der Raum meiner Deutschlehrerin von der siebenten bis zur zehnten Klasse. Aus Datenschutzgründen werde ich ihren Namen nicht nennen. Zur Geschichte dieses Raumes muss gesagt werden, dass dort viele Aufsätze erteilt wurden. Wenn ein Schüler fragte über welches Thema er referieren soll, antwortete sie stets mit: „Über das Liebesleben der Pflastersteine natürlich!“ In Anbetracht dieser lieblos aufgeschütteten Pflastersteine „meiner“ Straße ist es mir sogleich ein Anliegen gewesen, jenes Thema näher unter die Lupe zu nehmen. Ich ahnte Schlimmes, denn wie soll angesichts der bestürzenden Lage und der stetigen Verdrängung von unseren Straßen ein Liebesleben möglich sein? Nun ja… und wie sollte es anders sein, meine Vermutung hat sich bestätigt: Ich habe lediglich erschreckende Neuigkeiten in Erfahrung gebracht.

Geschichtlich betrachte ist es so, dass der Urpflasterstein, der so genannte Katzenkopf, vom Aussterben bedroht ist. Wir finden ihn heute nur noch in ländlichen Regionen. Der Nachfolger, der etwas kleinere Pflasterstein ist auch in Großstädten noch ab und an zu finden. Die Entwicklung von Asphalt und anderen neuerlichen Spielereien um Fahrwege gefälliger zu machen hat jedoch dazu geführt, dass eine ganz neue Art von Straßenbelag existiert: durch Teer verbundene Pflastersteine unterschiedlichster Größe und Form. Ihrem freien Liebesleben wird dadurch jedoch nicht mehr viel Raum gelassen. Vielmehr handelt es sich heute nur noch um Zwangs-Zweckgemeinschaften mit den Nachbarn. Dies entspricht jedoch nicht dem ursprünglichen Naturell des historischen Pflastersteins. Der historische Pflasterstein neigt zwar zur Beständigkeit in seinen Liebesbeziehungen, aber er liebt die romantische Idee dahinter, nicht eine gezwungenermaßen herbeigeführte Verbundenheit durch Teer und anderlei Schnickschnack. Aufgrund seiner Lebensbedingungen ist der Pflasterstein ohnehin nur in der Lage, eine Liebesbeziehung zu seinem nördlichen, südlichen westlichen oder östlichen Nachbarn einzugehen. Mit steinerner Gemütsruhe kann diese dann über Jahrhunderte hinweg dauern. Jedenfalls war es einst so. Das fürchterlichste für einen Pflasterstein ist es deshalb, aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen und von seinem Partner getrennt zu werden. In früheren Zeiten ist das fast nie vorgekommen. In der heutigen Zeit allerdings Gang und Gebe. Eine große Tragödie für den Pflasterstein.

Unfähig an einer anderen Stelle neue innige Beziehungen aufzubauen, verkümmert das Liebesleben der heutigen Pflastersteine immer mehr. Sie fühlen sich nur noch als Abtreter der Gesellschaft. Besonders schlimm sind die Pflastersteine auf städtischen Wegen und Fußgängerzonen belastet. Jegliche Romantik dieser Pflastersteine ist abhanden gekommen.

Ja, die Pflastersteine der Geschichte waren sehr romantische Wesen. Auf einsamen Alleen konnten sie unter dem Blätterdach der Bäume, bei Vogelgezwitscher und spielendem Sonnenlicht ein sehr aktives Liebesleben führen. Nur hin und wieder wurden sie durch einsame Wanderer, Pferdehufen oder vorbei rollende Pferdekutschen gestört.

Sich vorzustellen, wie es dem Pflasterstein in der heutigen Zeit ergeht, braucht nicht viel Fantasie. Zur Verdeutlichung jedoch trotzdem ein kleines Zwiegespräch aus dem Alltag zweier verliebter und noch nicht auseinandergerissener Pflastersteine, was ich durch aufmerksames Beobachten und Ohren spitzen mitbekommen habe.

Werktags – Morgens 7.30 Uhr:

Pflasterstein 1:  „Morgen Liebling, hast du auch so schlecht geschlafen wie ich?“

Pflasterstein 2: „Oh ja, es war eine schreckliche Nacht. Es gab ja überhaupt keine Ruhe. Diese betrunkene Horde, noch in den frühen Morgenstunden, fürchterlich!“

Pflasterstein 1: „Ja ja, und nun geht es auch schon wieder lo… auuha! Diese Damen. Müssen die immer solche Hackenschuhe tragen? Die bohren sich ja richtig in den Kopf.“

Pflasterstein 2: „Achtung, zieh den Kopf ein Liebling. Da kommt eine ganze Schulklasse. Die trampeln ja wie die Elefanten.“

Pflasterstein 1: „AU au auhh!“

Pflasterstein 2: „Was hast du Liebling?“

Pflasterstein 1: „Jemand hat seine Zigarettenkippe auf  meinem Kopf ausgetreten.“

Pflasterstein 2: „Hast du große Schmerzen? Unser Leben ist wirklich nicht einfach. Aber immerhin sind wir noch zusammen, hast du gesehen wie sie letzten die Liesbeth und den Harry getrennt haben? Nun hockt er da allein und sie liegt auf dem Haufen zwischen all den jungen Wilden“

Pflasterstein 1: „Oh Schatz, du stinkst bestialisch.“

Pflasterstein 2: „Sorry, ein Straßenköder. Wie spät kommt die Straßenreinigung Liebling?“

Pflasterstein 1: „Ich glaube nicht vor 21.00 Uhr mein Schatz. Du musst es noch lange aushalten. Aber bei der Hitze trocknet der Haufen hoffentlich schnell aus.“

Pflasterstein 2: „Aber die Fliegen. Das kitzelt immer so gemein.“

An dieser Stelle möchte ich den Einblick in das Gespräch der Beiden beenden, denn trotz aller Widrigkeiten wurde es dann doch noch etwas intimer zwischen den Beiden und die wenige noch verbliebene Intimsphäre wollte ich den Beiden nicht auch noch stehlen und habe mein Gehör wieder dem Straßenlärm gewidmet. Dennoch trieb es mir einen Dolch in die Brust. Was für ein Schicksal… Und da beschwert sich unsereins über hässliche Schuhe am Objekt der Begierde oder ähnliches.

Ich hoffe ich konnte einen guten, kleinen Einblick in das Leben und Liebesleben der noch übrig gebliebenen Population von Pflastersteinen verschaffen. Auf dass ihr in Zukunft daran denkt, wem ihr so alles auf dem Kopf herumtanzt. Vielleicht unterbrecht ihr gerade ungewollte das Schäferstündchen zweier Liebender….

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5 Kommentare zu “Das Liebesleben der Pflastersteine

  1. Ich finde es toll, dass Caroline endlich einmal erschöpfend Gedanken über dieses hochwichtige Thema – welches mich schon vor 50 Jahren nachdenklich gemacht hat – niedergeschrieben hat. Ich bin beeindruckt. Zu diesem Themenkreis gehört auch noch ein anderes, ähnlich wichtiges Problem, nämlich die Unsterblichkeit der Maikäfer und die brennende Frage: „was denkt der Grashalm, wenn ich auf ihn trete?“. Eine beliebte Strafarbeit meines damaligen Geschichtslehrers Dr. W..
    Liebe Grüße aus Berlin

    • es freut mich, dass dir der artikel zu diesem natürlich durchaus wichtigen thema gefällt. vielen dank auch für die anregung die grashalme betreffend. ich werde mir das durch den kopf gehen lassen, beobachten, fakten zusammentragen und wenn es sich lohnt bericht erstatten. allerdings verbirgt sich keine caroline hinter dem pseudonym miss sophie. ich muss dich also leider enttäuschen, dass sich nicht der vermutete absender hinter dem artikel verbirgt.

  2. …und hier meine Gedanken zum Liebesleben der Pflastersteine

    Der Pflasterstein, der Pflasterstein.
    Der mag nicht gern alleine sein.
    Wird nur geschasst von Fuss und Reifen, son Pflasterstein kanns nicht begreifen.
    Sinn macht ihm ja nur das eine, das machen kleiner Kieselsteine.
    Er möcht so gerne Stein an Stein, verliebt in seinen Nachbar sein.
    Sehen kann er sie genau, sein Lustobjekt die Steinefrau.
    Berühn kann er sie leider nicht, liegt doch dazwischen Sandes Schicht.
    Er ist so traurig, könnte schrein, da hilft auch nicht der Sonnenschein.
    Der macht zwar heiss, das macht ihn an, kommt doch nicht an den nachbar ran.
    Drum liegt er da und stellt sich tot, der eine grau der andre rot.
    Und die Moral von der Geschicht, Pflastetsteine lieben nicht.

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