Mut zur Lücke

Ich habe Film studiert. Sofern man das so allgemein sagen kann. Das verrückte daran ist, dass nun viele Menschen annehmen, ich müsste deshalb jeden Film kennen, gucken und lieben. Aber warum? Ich bin doch keine Film-Datenbank! Und überdies weigere ich mich auch eine Solche zu sein.

Was hatte ich nicht schon für Diskussionen darüber… Und was habe ich schon an verdutzen Gesichtern und Äußerungen erlebt. „Das musst du doch gesehen haben!“ „Wie kannst du nur sagen, das will ich nicht sehen!“ „Das ist eine Bildungslücke!“ Zunächst habe ich all diese Äußerungen über mich ergehen lassen und mich schlecht gefühlt, habe mich notfalls verteidigt. Doch mit der Zeit habe ich inneren Widerstand entwickelt. Und wenn ich heute eine solche Aussage höre, dann denke ich mir: Hallo, schonmal was von individuellem Geschmack gehört? Und wer legt bitte fest was eine Bidlungslücke ist und was nicht? Auch wenn ich Film studiert habe und/oder vielleicht gerade deshalb muss und kann ich mir nicht alles ansehen. Jedem anderem Erdenbewohner wird doch auch das Recht des eigenen Geschmacks zugestanden. Warum also nicht mir? Natürlich mag es komisch sein, dass ich als ehemaliger Filmstudent keinen einzigen „Harry Potter“ gesehen habe, dass ich nicht vor Begeisterung an die Decke springe, wenn ich „Pulp Fiction“ höre und das ich sage „Sorry, aber mit Quentin Tarrantino-Filmen kann ich nicht viel anfangen.“ Aber so ist es nunmal. Und, bin ich deshalb ein schlechterer Mensch? Und wertet das meine Kompetenz als Medienwissenschaftler ab? Ich denke nein. Puh! Nun ist es raus…

Lange Zeit war aber auch ich der Meinung, dass ich alles können und wissen muss. Nicht nur in dem Bereich, den ich studiert habe, sondern einfach in Allem und Überall. Und so geht es wahrschinlich vielen Leuten. Da hastet man irgendwelchen Informationen und Wissen nach, nur um auf dem neusten Stand zu sein… Und wofür das Alles? Seien wir dochmal ehrlich, nicht wirklich für uns selbst sondern für die Anderen. Um nicht als dumm dazustehen, um mitreden zu können, um Eindruck zu schinden… Die Liste ließe sich wahrscheinlich ellenlang fortführen. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass man sich Alles nur für Andere aneignet, nein, ganz im Gegenteil. Aber wenn man sich dabei ertappt, dass man eigentlich gar kein Interesse an Etwas hat es und es sich trotzdem aneignet, sollte man’s lassen. Mich hat es ein hartes Stück Arbeit gekostet das so für mich anzunehmen, denn es ist natürlich viel toller wenn man auf Alles eine Antwort weiß und zu Allem etwas sagen kann. Dachte ich zumindest lange Zeit. Aber im Grunde verstopfen all diese Informationen, all dieses Wissen nur meine Synapsen und hindern mich letztlich daran in Etwas besonders gut zu sein und meine eigenen Interessen voll zu entfalten. Von Allem ein Bisschen, aber nichts Ganzes? Nichts für mich. Nicht mehr.

Ja, miit dem Alter ;) ereilte dann eben auch mich die Erkenntnis, dass ich nicht Alles können und wissen kann. Und vor allem auch, dass ich nicht Alles können und wissen muss!!! Nicht einmal auf meinem „Spezialgebiet“. Und sind es nicht auch gerade die „Besserwisser“ die immer negativ auffallen? Natürlich muss man nicht mit seinem Wissen hausieren gehen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir all das Wissen nichts bringt, wenn ich nicht mit Leidenschaft dahinter stehe.

Und sind wir noch einmal ehrlich: Es wäre auch ziemlich langweilig, wenn man Alles kann und weiß. Was hätte ich denn davon oder auch Andere, wenn ich alle Filme gesehen habe und liebe? Lediglich eine Reizüberflutung und mit Sicherheit irgendwann eine Macke. Und im Prinzip wäre das Leben doch trostlos und langweilig, wenn ich immer recht hätte :D So etwas wie ein Erfolgserlebnis gäbe es dann wohl nicht. Weder für mich, noch für Andere. Und gerade unterschiedliche Geschmäcker und Vorlieben und die daraus resultierenden angeregten und hitzigen Diskussionen machen es doch erst spannend.

Insofern würde ich mal sagen: „Mut zur Lücke!“

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