Im Haifischbecken

Sport ist Mord und die Betonung liegt auf Mord nicht Selbstmord. Oder ist man zumindest etwas selbstmordgefährdet, wenn man sich diesem Machtkampf aussetzt? Egal, auf jeden Fall kann ich diesen Kampf um mein Leben dreimal wöchentlich mit unterschiedlichen Nuancen erleben. Beim Schwimmen. Es ist schon interessant, wie sich auch dort unsere Gesellschaft widerspiegelt. Das Schubladendenken. Es gibt immer nur schwarz-weiß, ganz-oder-gar-nicht, aber was ist mit der Mitte? Seit neustem gibt es nämlich am Beckenrad Schilder. Genauer gesagt zwei an der Zahl. Auf dem einem prangt die Aufschrift „Schnellschwimmer“ auf dem anderen „Rückenschwimmer“. Nun denn, ich bin weder ein bekenndender Rückenschwimmer, noch ein wirklicher Schnellschwimmer. Bzw. ab wann zählt man zum Schnellschwimmer? Irgendwie zähle ich mich zumindest eher dazu, als zu den Rückenschwimmern oder zu dem Planschbeckenteil in dem alles kreuz-und-quer schwimmt oder zu den Schulbahnen, auf denen die Kleinen ihre ersten Überlebenskämpfe im Wasser austragen. Nach genauer Beobachtung wie schnell die Schwimmer auf der Schnellschwimmerbahn schwimmen, entschied ich mich für diese Bahn. Da konnte ich mithalten. Bis eine dieser mordslustigen Schwimmerinnen ankam und meinte das Maß aller Dinge sei sie. Und dann musste auch ich beobachten, dass ich so meine Kategorien habe, in die ich meine Sportskollegen so einteilen würde. Dennoch, bei mir gibt es nicht nur schwarz-weiß, es gibt auch die Mitte. Denn die bin in diesem Fall ich.

Diese Dame also positionierte sich am Beckenrand, reckte ihren Kopf, den eine babyblaue Badekappe mit rosaroten Seitenstreifen zierte und legte los: „Möchtest du nicht auf der langsamen Bahn schwimmen? Es ist nämlich doof wenn ich dich alle 5 Bahnen überholen muss.“ Ich möchte mein Gesicht in diesem Moment nicht gesehen haben. Entweder erstarrte es augenblicklich zu einer Salzsäule oder es entglitt mir. In jedem Fall dachte ich: „Nein, das möchte ich nicht, sonst wär’ ich nicht hier.“ Und zum Zweiten: „Soll ich vielleicht die Hälfte der anderen Schwimmer gleich mitnehmen auf die andere Bahn, damit Madame niemanden überholen muss? Also ich glaube es hackt.“ Nun denn, ich blieb also auf der Bahn und durfte mir dann jedes Mal, wenn besagte Dame nach allen 10! Bahnen an mir vorbeischwamm eine „Trachtprügel“ abholen. Zumindest schwamm sie absichtlich so nah vorbei und hub mit Armen und Beinen noch einmal schön aus, dass ich nach dem Schwimmen etliche blaue Flecke vorzuweisen hatte. Und wäre ich nicht immer noch ein wenig ausgewichen, hätte ich unter ihren Schlägen wohl ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Nun ja, das sind also die ganz angriffslustigen Exemplare unter den Schwimmsportlern.

Dann gibt es noch solche, die die anderen Schwimmer gar nicht wahrnehmen und auch deshalb zur Gefahr für das eigene Leben werden. Und hier gibt es noch einmal eine Unterteilung: Die langsam Kriechenden, die einfach aus dem Nichts auftauchen weil sie z.B. die Bahn überqueren wollen, und die Schnellen, von denen man mal ganz locker einfach überschwommen wird. Von besagten Langsamen habe ich auf jeden Fall auch schon meine Blessuren davongetragen, z.B. eine blutende Lippe und einen schmerzenden Kiefer. Denn wenn der „Herr Opi“ meint einmal genau quer über die Schnellschwimmerbahn schwimmen zu müssen und man eben zu schnell an dem Herren dran ist, kann es sein, dass man plötzlich einen Fuß in der Kauleiste hat. So ist es mir in jedem Fall ergangen. Und selbst wenn sich diese kriechenden Wesen an die vorgegebene Schwimmrichtung halten, schaffen sie es, alle Anderen zu behindern. Sie blockieren die ganze Bahn, weil sie nicht in der Lage sind das System zu erkennen: rechts schwimmen, wie im Straßenverkehr, links überholen. Sie schwimmen ganz einfach mitten in der Bahn und machen ein Überholen unmöglich.

Und dann gibt es auch hier die Poser. Sie denken sie wären besonders cool wenn sie nur hohe Wellen schlagen. Dass es beim Schwimmen aber eher darauf ankommt durchs Wasser zu gleiten und den geringsten Widerstand auszulösen, davon haben sie wohl noch nichts gehört. Und wenn man dann als zierlicher, widerstandsgeringer Schwimmer an solchen „Grazien“ vorbeischwimmt, kommt man sich vor wie ein kleines Ruderboot auf hoher See bei Wellengang und Sturm. Nur mühsam kann ich mich in solchen Momenten vor dem Schöpfen von Wasser durch sämtliche meiner Körperöffnungen an der oberen Hälfte des Körpers erretten. Aber gut, vielleicht sollte man es als Herausforderung betrachten. Immerhin schult es die eigene Fitness desto größer der Strom ist, gegen den man anschwimmt. Und unter diesen Posern gibt es noch jenen männlichen Anteil, der es absolut nicht haben kann, wenn er von einer Frau überholt wird. Dann nimmt er alle seine Kräfte zusammen und strampelt sich einen ab. Schlägt noch mehr Wellen und hängt am Ende der Bahn japsend am Beckenrand um einen blöden Gesichtsausdruck zu machen, wenn man ihn dann mit Leichtigkeit wieder überholt. Tja…  schon mal was von Kräfteeinteilung gehört? Scheinbar nicht…

Schwimmen als Sport ist also wie Schwimmen im Haifischbecken nur ohne Haie. Aber eben mit anderen Schwimmern, die den Haien in nichts nachstehen. Ganz im Gegenteil: sie sind eher noch angriffslustiger.

Insofern Augen auf bei der Sportwahl, denn nicht vergessen: Sport ist Mord.

2 Kommentare zu “Im Haifischbecken

  1. Tja, da in der Großstadt oft nur zählt, als Einziges und Bestes die eigenen Bedürfnisse und die Befriedigung derselben über die der anderen zu stellen ;-)
    kann ich nur empfehlen, die S-Bahn zu nehmen, bis Berlin-Karow, dann in die gemütliche Heidekraut-Bahn Richtung Wandlitzsee zu wechseln und direkt vom Bahnhof den Sprung in den herrlichen Wandlitzsee zu wagen – und dann nur schwimmen, schwimmen, schwimmen.

    • Guter Tipp, allerdings schwer umsetzbar, wenn man schnell vor der Arbeit sein Sportprogramm abhalten will :) Aber fürs Wochenende ein Tipp der in meinem Hinterkopf gespeichert ist.

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