Gefahrenzone (Teil I)

ZUM PODCAST

Ich muss wohl lebensmüde sein, und mit mir Millionen Andere. Schließlich setzten wir uns tagtäglich der Gefahrenzone schlechthin aus. Dem Großstadtverkehr. Besonders gefährdet sind Radfahrer. Denn die sind das liebste Spielzeug der Autofahrer.

Eigentlich gibt es ja Regeln. Aber irgendwie leben wohl alle nach dem Motto: ‚Regeln sind da, um gebrochen zu werden.‘ Jedenfalls hält sich kaum einer daran. Ampeln? Was ist das? Ach, die schönen bunten Lichter an den Straßenkreuzungen? Ich dachte das wäre der Testlauf für die nächste Weihnachtsdeko. Bzw. das war noch nicht rot, das war ‚kirschgrün‘. Zebrastreifen? Anhalten? Hm, ich dachte da hätte sich ein Streetart-Künstler ausgetobt. Auf Radfahrer und Fußgänger achten? Wieso, ich bin hier der Stärkere mit meinem Auto und außerdem wollte ich schon immer eine lebensechte Kühlerfigur.

Tja… Da wird so manche Straße zur Rennstrecke, so mancher Gehweg zum Todespfad und alles was man sich wünschen kann, wenn man den geliebten Drahtesel besteigt oder den Fuß vor die Tür setzt ist: ‚Hals und Beinbruch!‘ Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wie schnell passiert es, dass man von einem ausparkenden Auto einfach mal so mitgenommen wird. „Wirklich freundlich von Ihnen, dass sie mich schneller an mein Ziel bringen wollen, aber eigentlich war mein Ziel nicht das nächstbeste Krankenhaus.“ So geschehen im letzten Jahr.

Ich war gerade auf dem Weg zur Schwimmhalle. Der morgendliche Dunst stieg auf und ich fuhr guter Dinge, denn in der frohen Hoffnung mich gleich in die Fluten stürzen zu können, einen markierten Radweg auf einer Straße entlang. Als plötzlich vom angrenzenden Gehweg rückwärts ein Auto auf mich zuschoss. Mein erster Gedanke war: „Jetzt ist alles vorbei.“ Und im Angesicht des Todes schloss ich instinktiv die Augen und sprang vom Rad. Mein Rettung, denn so erwischte mich der Autofahrer nur seitlich und nicht frontal und ich kam mit einer gebrochenen Rippe, allerlei Schmerzen und einem großen Schock davon.

Ähnliches ereignete sich gerade erst vor ein paar Tagen, als ein Auto meinte mich mitten auf der Kreuzung dem Asphalt angleichen zu müssen. Ich sage nur ‚Handy am Steuer‘. Alle denken sie haben es im Griff und dann? Haben sie eine neue Kühlerfigur in Form eines Radfahrers vorn auf, nur weil sie in alle Himmelsrichtungen schauen, nur nicht auf die Straße. Und ich erlitt einen mittelschweren Herzstillstand und war froh über meine schnelle Reaktionsgabe und dass ich beim Herumreißen meines Lenkers nicht auch noch in die Spur der Straßenbahn geriet.

Herzallerliebst und meine besten Freunde sind auch diejenigen unter den Autofahrern, die nach dem Einparken einfach mal so ihre Tür aufreißen ohne zu gucken. Auch hier kann man jedem Radfahrer nur wünschen: ‚Guten Flug!‘ Oder eben eine schnelle Reaktion. Blöd nur, wenn hinter einem ein Auto kommt. Dann hat man also die Qual der Wahl: Frontal auf eine Autotür prallen oder rittlings auf einer Kühlerhaube zu sitzen. Ich kann mir schöneres vorstellen. Und so erleide ich also regelmäßig mittelschwere bis große Herzinfarkte, mein Herz setzt in regelmäßigen Abständen kurzzeitig aus oder beschleunigt zumindest seinen Takt oder ich sterbe kleine und größere Tode.

Neben diesen Endzeitszenarien gibt es aber auch allerhand Situationen, in denen man einfach nur…Ja was eigentlich? Lachen muss, den Kopf schüttelt, schockiert aus der Wäsche blickt, …?

So geschah mir beispielsweise gestern Folgendes. Ich quälte mich gerade, vor Kälte bibbernd mit meinen lieben Drahtesel den Berg hoch. Im Rücken spürte ich ein herannahendes Auto.  Nichts Besonderes in einer Großstadt und noch dazu auf einer Hauptverkehrsstraße, dachte ich und strampelte weiter. Aber das Auto blieb hinter mir, anstatt mich zu überholen. Ich dachte mir meinen Teil, immerhin fuhr ich auf einer dreispurigen Straße und alle Spuren waren frei. Warum überholt der nicht einfach? Naja, sein Problem. Ich strampelte und kämpfte mit den Tränen, die mir der kalte Fahrtwind in die Augen trieb. Und dann hupte es hinter mir. Und ich? Schüttelte gedanklich fassungslos den Kopf. „Davon geht’s auch nicht schneller, oder erwartest du, dass ich augenblicklich vom Rad springe? Würde dir aber auch nichts bringen, wäre ich immernoch auf der Spur, also fahr doch einfach vorbei du Honk!“ Also ist es denn zu fassen? Aber er tat es nicht, sondern tuckerte so lange hinter mir her, bis etwas weiter oben am Berg ein Radweg begann auf den ich ausweichen konnte. Selbst Schuld dachte ich mir, denn noch immer war kein einziges anderes Auto an mir vorbeigefahren und demnach auch keines an ihm, was ihn hätte daran hindern können mich zu überholen. Vielleicht ist er neurotisch dachte ich mir und grinste in mich hinein. Soll es ja geben. Ehrlich! Oder kennt ihr nicht die Geschichten von Menschen, die beispielsweise den Tick haben immer auf einer Linie laufen zu müssen, oder eben keine Linie betreten zu dürfen. Vielleicht hatte er ja den Spleen unbedingt diese Fahrspur benutzen zu müssen. Denn nein, er bog an der Kreuzung nicht rechts ab.

Aber das Allerschlimmste daran ist ja… es steckt an. Man wird auch selbst zum Verkehrsrowdy, zum Fahrneurotiker, zum Ungeduldigen.  So ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich ungeduldig Slalom um ausparkende Autos fahre, wenn diese sich mal wieder gegenseitig beim Ausparken blockieren und ein nahendes Aufgeben im Kampf ‚Wer schlägt sich nun zuerst seine Presche‘ nicht in Sicht ist. Ja Mensch, ich hab’s eben eilig und es inzwischen ist es draußen ja auch wieder a…kalt. Und die sitzen da drinnen in einem warmen Auto und kommen eh kein Stück vor und zurück. Also schlängele ich mich eben gekonnt hindurch. Ich weiß, dass ist keine Entschuldigung und so macht man sich hin und wieder wohl auch selbst zum Freiwild.

Ich habe deshalb bereits des Öfteren überlegt, ob ich mir zumindest eine dieser wunderschönen Kopfbedeckungen zulege. Ja genau, ich meine einen Fahrradhelm. Aber irgendwie habe ich da traumatische Erinnerungen an meine Kindheit. Ich war nämlich unfreiwillige Besitzerin eines Styroporfahrradhelms, der nicht nur unförmig und monströs war, sondern zu allem Überfluss auch noch mit neonorangem, filzähnlichem Bezug. Grauenhaft. Und ich würde mal behaupten in der Not auch nicht wirklich Schutz bietend. Mein Bruder hingegen hatte ein wunderbar sportliches Modell. Nun könnte ich mir ja heute auch ein sportlicheres Modell zulegen oder eines dieser Hipster-Modelle, mit denen grad all die hippen Rennradfahrer durch die Stadt cruisen. Aber irgendwas hemmt mich. Was nur?

Ich werde also noch einmal tief in mich gehen, all die Erlebnisse auf mich niederprasseln lassen und dann entscheiden ob es mir wichtiger ist mit wenig Ballast und hübsch anzusehen durch die Stadt zu schlingern, oder aber mich zumindest minimal geschützt in die Gefahrenzone zu begeben.

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