Ammenmärchen

ZUM PODCAST

Ein Sonntagnachmittag. Ich sitze auf einer Bank auf einem öffentlichen Platz und lese. Vertieft. Abgetaucht in einer andere Welt. Bis mich etwas von vorn anbrüllt und sich in meine Phantasiewelt drängelt. Ich hebe den Kopf und sehe einen Mann. Gruselige Gestalt. Er röhrt in sein Telefon. „Ey kommste mit? Ick will zu nem Freund, da is voll wat los.“ Und mir schießt, inspiriert von meiner Lektüre, sofort ein Gedanke in den Kopf: „Nimm dich in Acht vor dem bösen Mann.“ Ich lenke meine Aufmerksamkeit also wieder meinem Buch zu, denn er kann unmöglich mich meinen. Doch es grölt abermals: „Da kiekt se weiter in ihre Seiten. Ick rede mit dia.“ Ok, der meint wohl doch mich. Ich schaue also wieder auf, erbarme mich und schüttele mit dem Kopf. Dann widme ich mich abermals meinem Buch, weil ich die Sache damit als erledigt betrachte. Doch er scheint das anders zu sehen und brüllt seinem Anrufer entgegen: „Da lächelt se sanft und schüttelt den süßen Kopp. Ick glob et ihr nich.“ Schmetternd wetternd geht er ab. Die Leute um uns herum sind aufmerksam geworden und schauen mich neugierig an. Ja was denn? Noch nie davon gehört, dass man nicht mit fremden Männern mitgehen soll?

Und außerdem: Wer um alles in der Welt hat eigentlich dieses (Ammen)Märchen vom Prinzen auf dem weißen Pferd in die Welt gesetzt bzw. in die Köpfer vieler weiblicher Wesen verpflanzt? Die Realität sieht ja wohl mal ganz anders aus, wie diese Szene eindrucksvoll beweist. Nämlich ernüchternd. Dabei wäre mir der Prinz auf dem weißen Pferd durchaus lieber, als diese eigentümlichen Gestalten. Denn der Prinz hätte es wohl auch drauf, diese Situationen um einiges romantischer zu gestalten…

Aber wenn ich so recht überlege sind es immer nur die Rumpelstilzchen die in meinem Alltag vorbeipreschen, schlurfen, etc. Da gibt es z.B. Penner die nachts im Bus hinter einem sitzen und einem mit ihrem schmierigen Finger im Rücken herumbohren und ins Ohr wispern. Seitdem fahre ich Rad. Da gibt es Exhibitionisten, die meinen an sich herumfummeln zu müssen, wenn man des nachts an ihnen vorbeigeht. Auch da kann das Rad Abhilfe schaffen. Da gibt es Dönerstandinhaber, die mit abgedroschenen Sprüchen wie: „Hey, willste n Döner, macht schöne Frauen noch schöner!“ hinter einem herrufen. Und da gibt es Teenager, die halb so alt sind wie man selbst, die dir auf offener Straße hinterherpfeifen und Sprüche hinterherbrüllen, die du danach erst einmal übersetzen musst: „Ey, du bist ma vierlagig lecker.“ Vielen Dank für die Blumen, aber wo bleibt denn nun der Prinz?