Mit Pöbel & Romantiker im Nacken

Menschen fühlen. Viel, wenig, laut, leise. Menschen reden über das Fühlen. Viel, wenig, laut, leise. Aber wie oft offenbaren sie beim Reden dabei wirklich ehrlich was sie Fühlen?

Ich für meinen Teil halte mich durchaus für eine Person, die durch Selbstreflektion in der Lage ist, eigene Gedanken und Befindlichkeiten zu erkennen und auszudrücken. Selbstverständlich ist das hin und wieder etwas schwieriger. Und natürlich offenbare ich meine Erkenntnisse meiner Umwelt gefiltert, denn da wäre ja noch die Empathie, die es mir ermöglicht, Stimmungen von anderen aufzuspüren und dementsprechend taktvoll zu reagieren. Also nicht übers Ziel hinaus zu schießen. Ich wäge demnach durchaus ab, was ich wem in welcher Situation zumuten kann, sollte oder sogar muss. Aber werde ich mir dadurch selbst gerecht? Denn wer legt fest, was in welcher Situation vertretbar ist?

So ist es nicht verwunderlich, dass es immer mal wieder Situationen (oder sollte ich lieber sagen Umstände) gibt, in denen der Pöbel oder der Romantiker einfach aus mir heraus brechen. Momente, in denen mein Sprachzentrum einfach ungefiltert die Weisheiten meines umtriebigen Herzens und Hirns herauslässt, ohne dass ich (groß) über die Konsequenzen nachdenke. Diese, ich nenne sie mal „Gerechtigkeits-Anfälle“, überkommen mich in sagen wir mal endorphin-, hormon- oder alkoholschwangeren Momenten. Ja, angesichts dieser drei Stoffe in meiner Körperumlaufbahn, vertrete ich meine Befindlichkeiten ganz ungefiltert. Mein Herz gewinnt die Überhand, sendet Signale ans Hirn, welches diese in Worte transkribiert und über das Sprachorgan ganz unmissverständlich erklärt, was Sache ist. Dann sage ich mit dem Pöbel im Nacken Dinge, die mich stören und mir zu weit gehen, in etwas schnotterigem Tonfall. Ist es eher der Romantiker, der aus mir spricht, gestehe ich, gefühlsduselig wie ich bin, ganz ungehemmt meine Zuneigung zu meinen Mitmenschen. Natürlich nicht allen, sondern auch nur denen, die ich wirklich mag, etc.

Beides eigentlich nichts wofür man sich schämen müsste. Nichts worüber man groß nachdenken sollte. Schließlich ist es doch gut offen und ehrlich zu sein und seine Empfindungen – egal ob schwarz, weiß oder grau – zu äußern, oder? Aber ist es tatsächlich so?

Ich habe mich in meinem Umfeld umgeschaut und auch selbst beobachtet…

Bei mir selbst verhält es sich in solchen Situationen folgendermaßen: Reagiert jemand auf meine spontanen Geistesblitze so wie ich es erwartet bzw. erhofft habe, ist die Welt logischerweise in Ordnung. Mit der Tatsache, dass jemand anders reagiert, kann ich auch noch umgehen. Immerhin habe ich ja den Pöbel oder den Romantiker als Verstärkung im Nacken. Dann wird eben (je nach Lage) weiter gepöbelt oder geschwärmt. Das „böse“ Erwachen über die eigene Courage kommt erst nachdem sich Endorphin-, Hormon- oder Alkoholhaushalt wieder reguliert haben. Das kann dann natürlich haarig werden und ist ähnlich dem Zustand, der einsetzt, wenn mein endorphin-, hormon- oder alkoholschwangeres Hirn und Herz in diesen Momenten keine Reaktion erhalten. Sie sind überfordert und setzen folgendes Szenario in Gang: Pöbel und Schwärmer beginnen unaufgeforderter und unnötiger Weise darüber zu streiten, ob das Gesagte „Falsch“ oder „Richtig“ war. Herz und Hirn geraten dadurch aus den Fugen, weil sie Angst vor den Konsequenzen haben. Und ich verliere die Fassung. Das wiederum bremst sowohl den Pöbel als auch den Romantiker in mir aus und ich beginne wieder abzuwägen. Doch da das Kind dann bereits in den Brunnen gefallen ist, ist das gar nicht mehr so einfach. Dann wird der kindlich-instinktive Emotionsanfall bis ins Kleinste auseinander genommen und erwachsen durchdacht. Nicht selten habe ich danach jedoch das Gefühl, eine Sache totgedacht zu haben. Komplette Verwirrung! Unsicherheit! Eigentor! „Super“, denn das ist sicherlich nicht Ziel meiner Emotionsoffenbarung gewesen.

Und auch in meinem Umfeld habe ich festgestellt: Viel zu oft ist es leider so, dass sich Menschen für ihre Gefühls-„Ausbrüche“ schämen. Dass sie sich deshalb zusammenreißen und versuchen, die Dinge zu verharmlosen. Und sollten sie die Gefühle dennoch einmal übermannen… Oh je, dann ist absolutes Chaos angesagt. Die nächsten Fragen, die ich mir aufgrund dessen natürlich sofort gestellt habe, sind: Warum tun sie das? Warum wahren sie die Contenance?

Natürlich bedarf es einer gewissen Reflektion! Weil wir Dinge falsch verstehen (können). Weil wir uns umständlich ausdrücken. Weil es nun mal unterschiedliche Menschen gibt, die unterschiedlich denken und agieren. Manchmal liest, hört oder spürt man eben etwas zwischen den Zeilen, was da gar nicht ist.

Und dennoch: Warum fragen wir nicht einfach nach wie etwas gemeint ist? Warum trauen wir uns oft nicht zu sagen, was wir wirklich denken und fühlen? Und warum erschrecken wir uns so, wenn wir es dennoch tun?

Haben wir Angst vor unserer eigenen Courage? Wollen wir verharmlosen, aus Angst vor den eigenen Gefühlen? Oder ist es gar die Angst, das Gegenüber könnte uns für unsere Empfindungen verachten, weniger mögen oder gar zurückweisen?
Ja, vielleicht. Denn während man als Kind noch ungehemmt seinen Instinkten folgt und kindlich reagieren darf, verlangt man von einem Erwachsenen, dass er sich den Umständen angemessen ausdrückt und verhält. Das hat natürlich auch seine Berechtigung. Aber wie so oft, würde ich auch hier sagen: In Maßen! Was heißen soll, dass man sich schon ein Stück kindlichen Instinkt bewahren sollte, um nicht komplett zur Hülle seiner selbst zu werden. Und doch passiert genau das immer wieder…

Wie viele mögen es wohl sein, die sich im Laufe ihres Lebens das Fühlen geradezu abtrainieren? Sie haben gelernt, ihre innersten Empfindungen für sich zu behalten. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Sie haben sich angeeignet, sich nie wirklich ganz zu zeigen. Und damit meine ich keineswegs, dass diese Menschen falsch und unaufrichtig sind. Nein, das ist noch einmal etwas ganz anderes. Ich meine vielmehr, dass sie aufgrund ihrer Erfahrungen gelernt haben, zu taktieren, zu spielen, zu schweigen. Und damit eben immer nur ein Stück, nur eine ganze bestimmte Seite von sich selbst preiszugeben. Und folglich immer etwas unnahbar zu bleiben. Natürlich ist es nur all zu menschlich Gefühle, Gedanken und Empfindungen auch zurückzuhalten. Klar will man nicht jedem sagen und zeigen wer man ist und was einen bewegt. Bis vielleicht einmal jemand kommt, der wirklich Interesse daran hat, was hinter der Fassade passiert. Der ahnt, dass die gezeigten und gesagten Emotionen viel tiefer und nuancierter sind. Der danach fragt, wie es wirklich um den Gefühlshaushalt bestellt ist. Der es vermag durch die Hülle hindurchzuschlüpfen und den anderen damit verletzlich macht.

Und hier schließt sich der Kreis! Wir schämen uns für derlei Gefühls-„Ausbrüche“, weil wir denken ertappt worden zu sein. Weil uns jemand so gesehen hat, wie wir wirklich sind. Weil unsere Hülle gefallen ist und wir uns damit angreifbar machen. Wir schämen uns, weil wir doch im Grunde unseres Herzens alle nur gemocht/geliebt werden wollen und Angst haben, dass uns jemand den auch wir gelernt haben zu mögen/zu lieben, seine Zuneigung verweigert.

Und so schweigen der Pöbel und der Romantiker nur all zu oft bzw. streiten hinter verschlossenen Lippen und verbergen, was uns doch eigentlich menschlich und sympathisch macht: nämlich uns selbst.

In diesem Sinne: Es lebe der Pöbel und der Romantiker im Nacken!

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Naturbekifft und ewig jung

Es gibt Aussagen, die mir immer mal wieder entgegengebracht werden, und die mich einigermaßen sprachlos machen. Der Grund: Sie bieten einfach wahnsinnig viel Spielraum für eigene Interpretationsmöglichkeiten.

Eine solcher Aussagen ist: „Sag mal, hast du grad einen durchgezogen? Deine Augen sehen so glasig aus.“. Ohne Scheiß, dieser Satz ist mir in der letzten Zeit vermehrt hingeworfen worden. Hin und wieder habe ich sogar eine Erklärung für diesen Zustand meiner Augen: Schwimmen ohne Schwimmbrille und danach aufs Rad. Der Fahrtwind, denn ich bin jetzt nicht unbedingt der langsame Spazierfahrer, erledigt dann den Rest. Ab und an ist dieser Zustand aber auch einfach folgender Tatsache geschuldet: Gerade aufgestanden und der Status ‚wach’ wurde vom Hirn noch nicht an die Augen weitergeleitet. Aber ab und an habe ich auch einfach keine Erklärung. Dann ist das eben so, naturbekifft. Ich könnte natürlich auch behaupten, dass ich zum Schauspieler umsatteln will, gerade für die Rolle eine Junkies trainiere und eben wahnsinnig talentiert bin, weil ich es sogar schaffe meine Augen der Rolle angemessen wirken zu lassen. Hihi.

Somit kann ich also zunächst alle Fragenden und alle nicht Fragenden, aber dasselbe Denkenden, beruhigen (oder ich muss sie enttäuschen – je nachdem): Nein ich habe keinen Joint verzehrt. Selbst wenn ich wollte, schon mein natürliches Erscheinungsbild schreckt Dealer ab. Vielleicht ja gerade deshalb. Wenn ich immer so aussehe, als hätte ich einen durchgezischt, scheint der Bedarf ja nicht so akut. Vielmehr steht nun aber die Frage im Raum: Sollte ich mir Sorgen machen? Welche Auswirkungen könnte mein naturbekifftes Aussehen auf meine Umwelt haben? Könnte es mir z.B. bei einem Vorstellungsgespräch zum Verhängnis werden? Oder ist es besser man hält mich für bekifft, als wenn alle annehmen würden, dass ich die letzte Nacht durchgeflennt habe? Was aber wenn sie mich dann für geistig nicht ganz auf der Höhe halten? Oder könnte das sogar zum Vorteil werden, weil ich dann alle positiv überraschen kann? Wie auch immer, die Frage bleibt zudem: Was wollen mir die Leute mit dieser Aussage mitteilen? Steckt in ihrer Frage eine Sehnsucht / eine Hoffnung, dass ich Ihnen etwas abgeben könnte? Sind sie gar eifersüchtig, weil sie gern selbst bekifft wären, es aber nicht sind? Oder wollen sie mir nur schonend beibringen, dass ich gerade nicht gesellschaftsfähig aussehe? Aber dann sollen sie doch lieber mit Lösungsvorschlägen kommen… Ich habe es mir bisher jedenfalls lieber verkniffen nachzufragen. Macht mich ja auch nicht schlauer, wenn ich weiß was die werten Fragenden über meinen Zustand (den ich ja obendrein nicht einmal besitze) denken.

„Du hast dich überhaupt nicht verändert!“ oder „Wie, du bist dreißig? Ich hätte dich viel jünger geschätzt.“, sind zwei weitere der Sprachlosigkeit auswirkenden Äußerungen. Das interessante an diesen Statements sind die verschiedenen Klangfarben und Intensitäten, in denen sie an mich herangetragen werden. Da gibt es diejenigen, die es mit einer gewissen Bewunderung aussprechen. Hier soll der Satz wohl ein Kompliment sein. Aber selbst wenn, das ist ebenso unglaubwürdig wie auch frustrierend. Weshalb? Dazu komme ich gleich noch… Dann gibt es diejenigen, die es mit einem fast schon enttäuschten Unterton hervorpressen. So als hätten sie sich gewünscht, dass mir in der Zwischenzeit Flossen, Flügel oder was weiß ich was gewachsen sind. Dass mein Gehirn um etliche Prozente geschrumpft oder anschwollen ist, etc. Oder sind sie selbst einfach nur neidisch? Weil der altersbedingte Verrottungsprozess an ihnen merklicher vorübergeht, als an mir? Und dann gibt es diejenigen, die diesen Satz fast nebenbei fallen lassen. Die, die einem mal sehr viel bedeutet haben. Denen man imponieren und gefallen wollte. Hier setzt augenblicklich eine Art Trotz ein und diverse Einwandmöglichkeiten a la „Aber ich bin doch jetzt viel cooler, unabhängiger, etc.“ schießen wie PingPong-Bälle durch den Kopf. Gut dass ich aber doch – wenn eben auch scheinbar auf den ersten Blick nicht sichtbar – gealtert und gereift bin und solche Kommentare genauso schnell auch wieder in meinem Kopf verwelken, wie sie aufgekeimt sind.

Egal ob Kompliment, Neid oder was auch immer, eine Reaktion meinerseits, auf diese Aussagen zu meinem altersbedingten Veränderungsprozess bzw. nicht-Veränderungsprozess, bleibt konstant bestehen: Fragezeichen in den Augen und ein sofort rotierendes Gedankenkarussell. Wie jetzt? Innerlich, äußerlich, komplett? Gut? Schlecht? Kurz gesagt: HÄÄÄÄ?

Und jedes Mal erwäge ich, ob ich Statements dieser Art auch mal lautstark hinterfragen oder kommentieren sollte. Mache es aber nicht. Vielleicht sollte ich mir stattdessen eines dieser Sprüche-T-Sirts zulegen. Mit der Message: „Ich weiß, ich habe mich überhaupt nicht verändert.“  (Oder im Falle des ersten Beipsiels: Nein, ich bin nicht bekifft, dass ist wie Gott mich schuf.) Und dahinter dann bitte ein sich vor Lachen kugelnder Smilie. Denn… Ich habe mich natürlich verändert. Zu aller erst mal: Ich kann inzwischen selbständig denken, sprechen und lesen. Also im Vergleich zu Minus dreißig Jahren. Zweitens habe ich Stil entwickelt. Ich trage keine ausgelabberten Latzhosen und Holzfällerhemden mehr, wie noch vor 15 Jahren. Drittens habe ich gelernt, dass es so etwas wie eine Frisur gibt. Viertens bin ich um einiges größer und schwerer als noch vor dreißig Jahren, aber auch um einiges schmaler also noch vor 10 Jahren war. Und fünftens sieht man mir die Jahre bei genauerem Hinsehen durchaus an: Da bahnen sich graue Haare und Miniaturfältchen ihren Weg auf den Kopf und ins Gesicht. Da droht der körperliche Verfall, etc. Nicht, dass ich auf letzteres besonders stolz wäre. Aber mit dreißig noch für zehn bis dreizehn Jahre jünger geschätzt zu werden ist nicht unbedingt ein Gütesiegel. Mag sein, dass ich in weiteren zehn Jahren, wenn man mich dann für dreißig anstatt vierzig hält, wie ein Honigkuchenpferd darüber freue. Und auch wenn man ein paar Takte mehr mit mir wechselt, sollte man erkennen, dass ich keine 18 mehr bin und durchaus eine angemessene Entwicklung hinter mir habe. Ich bestehe darauf!

So und nun? Ich werde derlei Aussagen einfach mit einem Lächeln quittieren. Denn wie sagt man so schön „Lachen ist die beste Medizin“. Und das gilt wohl auch für fragwürdige Zustände =)