Naturbekifft und ewig jung

Es gibt Aussagen, die mir immer mal wieder entgegengebracht werden, und die mich einigermaßen sprachlos machen. Der Grund: Sie bieten einfach wahnsinnig viel Spielraum für eigene Interpretationsmöglichkeiten.

Eine solcher Aussagen ist: „Sag mal, hast du grad einen durchgezogen? Deine Augen sehen so glasig aus.“. Ohne Scheiß, dieser Satz ist mir in der letzten Zeit vermehrt hingeworfen worden. Hin und wieder habe ich sogar eine Erklärung für diesen Zustand meiner Augen: Schwimmen ohne Schwimmbrille und danach aufs Rad. Der Fahrtwind, denn ich bin jetzt nicht unbedingt der langsame Spazierfahrer, erledigt dann den Rest. Ab und an ist dieser Zustand aber auch einfach folgender Tatsache geschuldet: Gerade aufgestanden und der Status ‚wach’ wurde vom Hirn noch nicht an die Augen weitergeleitet. Aber ab und an habe ich auch einfach keine Erklärung. Dann ist das eben so, naturbekifft. Ich könnte natürlich auch behaupten, dass ich zum Schauspieler umsatteln will, gerade für die Rolle eine Junkies trainiere und eben wahnsinnig talentiert bin, weil ich es sogar schaffe meine Augen der Rolle angemessen wirken zu lassen. Hihi.

Somit kann ich also zunächst alle Fragenden und alle nicht Fragenden, aber dasselbe Denkenden, beruhigen (oder ich muss sie enttäuschen – je nachdem): Nein ich habe keinen Joint verzehrt. Selbst wenn ich wollte, schon mein natürliches Erscheinungsbild schreckt Dealer ab. Vielleicht ja gerade deshalb. Wenn ich immer so aussehe, als hätte ich einen durchgezischt, scheint der Bedarf ja nicht so akut. Vielmehr steht nun aber die Frage im Raum: Sollte ich mir Sorgen machen? Welche Auswirkungen könnte mein naturbekifftes Aussehen auf meine Umwelt haben? Könnte es mir z.B. bei einem Vorstellungsgespräch zum Verhängnis werden? Oder ist es besser man hält mich für bekifft, als wenn alle annehmen würden, dass ich die letzte Nacht durchgeflennt habe? Was aber wenn sie mich dann für geistig nicht ganz auf der Höhe halten? Oder könnte das sogar zum Vorteil werden, weil ich dann alle positiv überraschen kann? Wie auch immer, die Frage bleibt zudem: Was wollen mir die Leute mit dieser Aussage mitteilen? Steckt in ihrer Frage eine Sehnsucht / eine Hoffnung, dass ich Ihnen etwas abgeben könnte? Sind sie gar eifersüchtig, weil sie gern selbst bekifft wären, es aber nicht sind? Oder wollen sie mir nur schonend beibringen, dass ich gerade nicht gesellschaftsfähig aussehe? Aber dann sollen sie doch lieber mit Lösungsvorschlägen kommen… Ich habe es mir bisher jedenfalls lieber verkniffen nachzufragen. Macht mich ja auch nicht schlauer, wenn ich weiß was die werten Fragenden über meinen Zustand (den ich ja obendrein nicht einmal besitze) denken.

„Du hast dich überhaupt nicht verändert!“ oder „Wie, du bist dreißig? Ich hätte dich viel jünger geschätzt.“, sind zwei weitere der Sprachlosigkeit auswirkenden Äußerungen. Das interessante an diesen Statements sind die verschiedenen Klangfarben und Intensitäten, in denen sie an mich herangetragen werden. Da gibt es diejenigen, die es mit einer gewissen Bewunderung aussprechen. Hier soll der Satz wohl ein Kompliment sein. Aber selbst wenn, das ist ebenso unglaubwürdig wie auch frustrierend. Weshalb? Dazu komme ich gleich noch… Dann gibt es diejenigen, die es mit einem fast schon enttäuschten Unterton hervorpressen. So als hätten sie sich gewünscht, dass mir in der Zwischenzeit Flossen, Flügel oder was weiß ich was gewachsen sind. Dass mein Gehirn um etliche Prozente geschrumpft oder anschwollen ist, etc. Oder sind sie selbst einfach nur neidisch? Weil der altersbedingte Verrottungsprozess an ihnen merklicher vorübergeht, als an mir? Und dann gibt es diejenigen, die diesen Satz fast nebenbei fallen lassen. Die, die einem mal sehr viel bedeutet haben. Denen man imponieren und gefallen wollte. Hier setzt augenblicklich eine Art Trotz ein und diverse Einwandmöglichkeiten a la „Aber ich bin doch jetzt viel cooler, unabhängiger, etc.“ schießen wie PingPong-Bälle durch den Kopf. Gut dass ich aber doch – wenn eben auch scheinbar auf den ersten Blick nicht sichtbar – gealtert und gereift bin und solche Kommentare genauso schnell auch wieder in meinem Kopf verwelken, wie sie aufgekeimt sind.

Egal ob Kompliment, Neid oder was auch immer, eine Reaktion meinerseits, auf diese Aussagen zu meinem altersbedingten Veränderungsprozess bzw. nicht-Veränderungsprozess, bleibt konstant bestehen: Fragezeichen in den Augen und ein sofort rotierendes Gedankenkarussell. Wie jetzt? Innerlich, äußerlich, komplett? Gut? Schlecht? Kurz gesagt: HÄÄÄÄ?

Und jedes Mal erwäge ich, ob ich Statements dieser Art auch mal lautstark hinterfragen oder kommentieren sollte. Mache es aber nicht. Vielleicht sollte ich mir stattdessen eines dieser Sprüche-T-Sirts zulegen. Mit der Message: „Ich weiß, ich habe mich überhaupt nicht verändert.“  (Oder im Falle des ersten Beipsiels: Nein, ich bin nicht bekifft, dass ist wie Gott mich schuf.) Und dahinter dann bitte ein sich vor Lachen kugelnder Smilie. Denn… Ich habe mich natürlich verändert. Zu aller erst mal: Ich kann inzwischen selbständig denken, sprechen und lesen. Also im Vergleich zu Minus dreißig Jahren. Zweitens habe ich Stil entwickelt. Ich trage keine ausgelabberten Latzhosen und Holzfällerhemden mehr, wie noch vor 15 Jahren. Drittens habe ich gelernt, dass es so etwas wie eine Frisur gibt. Viertens bin ich um einiges größer und schwerer als noch vor dreißig Jahren, aber auch um einiges schmaler also noch vor 10 Jahren war. Und fünftens sieht man mir die Jahre bei genauerem Hinsehen durchaus an: Da bahnen sich graue Haare und Miniaturfältchen ihren Weg auf den Kopf und ins Gesicht. Da droht der körperliche Verfall, etc. Nicht, dass ich auf letzteres besonders stolz wäre. Aber mit dreißig noch für zehn bis dreizehn Jahre jünger geschätzt zu werden ist nicht unbedingt ein Gütesiegel. Mag sein, dass ich in weiteren zehn Jahren, wenn man mich dann für dreißig anstatt vierzig hält, wie ein Honigkuchenpferd darüber freue. Und auch wenn man ein paar Takte mehr mit mir wechselt, sollte man erkennen, dass ich keine 18 mehr bin und durchaus eine angemessene Entwicklung hinter mir habe. Ich bestehe darauf!

So und nun? Ich werde derlei Aussagen einfach mit einem Lächeln quittieren. Denn wie sagt man so schön „Lachen ist die beste Medizin“. Und das gilt wohl auch für fragwürdige Zustände =)