Trends haben (k)ein Verfallsdatum

ZUM PODCAST

Gerade erlitt ich einen mittelschweren Lachkrampf, aus dem ich mich nur mühsam wieder erlösen konnte. Der Grund für meine überschwängliche Erheiterung war eine Email meiner Schwester. Oder besser gesagt ein angehängtes Foto. Eingescannt extra für mich. Errettet aus den Untiefen des mütterlichen Schreibtisches.

Aus Datenschutzgründen werde ich dieses Foto hier natürlich nicht veröffentlichen, aber das ist auch gar nicht notwendig, denn wer weiß ob ein Anderer soviel Freude daran hätte wie ich. Ich will es nur kurz skizzieren. Meine Schwester und ich. Keine 10 Jahre. Die Gesichter ziert ein bunter Schminkschmetterling. Das ist schonmal komisch genug. Während meine Schwester dazu nett in die Kamera lächelt, habe ich die Augen weit aufgerissen als hätte ich einen Geist gesehen. Man muss Angst haben, dass mir die Augäpfel herausfallen. Aber keine Sorge, das ist wohl damals nicht geschehen, immerhin besitze ich sie noch, also die Augäpfel. Aber das nur am Rande. Zurück zum Thema. Ich schaue also wie die Kuh wenn`s Blizt und ich habe auch eine vage Vermutung warum. Die Friese. Das Grauen schlechthin. Der tiefste Osten lässt grüßen. Oben kurz, unten lang – OBKUUNLA. Oder besser bekannt als VOKUHILA. Yiha… Was haben mir meine Eltern da nur angetan, diese Trendsetter ;) Ich sehe gelinde gesagt beschissen aus… Angesichts dessen ist es doch aber wunderbar, das diese Tatsache heute eine solche Erheiterung in mir auslösen kann. Denn was noch viel viel besser ist: Ich fühle mich schlagartig wunderschön. Also im Hier und Jetzt. Na und wenn das mal bei miss-super-selbstkritisch-sophie nichts ist…

Während ich das Foto so betrachtete, freute ich mich also, dass dieser Trend vorbei ist. Doch dann schossen mir Bilder in den Kopf. Aktuelle Bilder. Und ich musste mir eingestehen: Nein, dieser Trend kommt gerade wieder. Er erlebt einen Relaunch. Schon meine Mam pflegte immer zu sagen: „Alles kommt wieder.“ Scheinbar hat sie recht. Wir leben nun schon lange genug auf dieser Welt, dass mode- und stylingtechnisch so gut wie alles schon einmal dagewesen ist. Zumindest irgendwie in einer ähnlichen Art und Weise. Wenn auch vielleicht heute mit anderen Nuancen und Attitüden.

Interessant dabei ist nämlich der Wandel der Menschen, der in den sogenannten Trends steckt. Gab es damals nichts anderes, ist es heute frei gewählt. Das Angebot an Mode und Stil ist ja unendlich. Und dennoch: Gerade diejenigen unter ihnen, die dem Trend entfliehen wollen und etwas ganz Besonderes ausdrücken wollen, sind genau mittendrin. Sie wollen aus der Masse herausstechen und gehen in selbiger unter. Die Hipster. Herzlich willkommen im Leben eines ‚Möchtegern‘. Haben diese vor ein paar Jahren noch über z.B. taillierte Hosen die Nase gerümpft, sind sie es nun, die diese hocherhobenen Hauptes zur Schau tragen. Und dabei wahnsinnig cool sind. Sie meinen Modebewusstsein, Esprit und Extravaganz für sich gepachtet zu haben. Entschuldigt, wenn auch ich jetzt hier einer Pauschalisierung, vielleicht sogar einem Vorurteil unterliege. Aber ich habe eben schon all zu oft beobachtet, dass sich eben diese Hipster für das Non-Plus-Ultra halten. Sie stellen Aussehen über alles Andere und kommen damit einmal mehr oberflächlich daher. Ich muss hinzufügen: Ich habe absolut nichts gegen mode- und stylingbewusste Menschen. Aber es gibt auch Grenzen. Und diese sind eben dann erreicht, wenn man mit/durch Mode & Styling ausgrenzt und/oder abwertet. Natürlich sind nicht alle Trendsetter so. Und ich wähle extra den Begriff abwertet, denn bewerten tun wir alle irgendwie. Denn der Mensch ist nun einmal wie er ist und findet alles was nicht der ‚Norm‘ entspricht erst einmal komisch. Stellt sich nur die Frage: Was ist die ‚Norm‘? Gibt es so etwas wie eine ‚Norm‘ überhaupt? Oder sollte man eher sagen: Das Individuum findet erst einmal alles befremdlich, was nicht den eigenen ästhetischen Empfindungen entspricht? Ja, das passt vielleicht besser. Wie dem auch sei und Trend hin oder her: Meiner Meinung nach soll doch einfach jeder sein wie er will. Also lieber Hipster: hippe. Also lieber Nerd: nerde. Also liebe graue Maus: mause. :)

Ich weiß nur eines: Ich muss nicht jeden Trend mitmachen. Und ‚Vokuhila‘ werde ich mir mit Sicherheit nie selbst antun :D Werde aber auch niemanden verurteilen, der es sich ‚antut‘. Geschmack ist eben Geschmackssache. Aber ich werde hin und wieder mal in den Untiefen der Vergangenheit stöbern. Die kleinen Schätze liegen im Detail. Vielleicht fällt neben dem einen oder anderen belustigenden Foto, neben der einen oder anderen erheiternden Erinnerung, auch das eine oder andere re-moderne Stylingfundstück an. Und wenn nicht, ist es doch immerhin herrlich wenn die Mamas und Papas, die Omas und Opas, etc. von alten-neugewordenen Trends und kindlichen Schandtaten – wie die Tendfrisur zeigt, nicht unbedingt auf dem eigenen Mist gewachsen – berichten. Wie sie dann plötzlich aus ihrer Lethargie erwachen und noch einmal jung sind… Herrlich. Da ist es doch nur zu begrüßen wenn Trends kein Verfallsdatum haben. Das verbindet Generationen :)

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Media-Morphose

Foto: © Andreas Bauer, 2010

Da schwingen sie Reden über den Wunsch, das Streben nach Individualität. Empören sich über Uniformität. Zeigen gleichwohl aber das Bedürfnis nach Übereinstimmung und Konformität. Sie schließen ihre Türen hinter sich. Und lernen aus der Flimmerkiste. Und dann fügen Sie sich. Hinein in eine Rollestruktur, ein Normengefüge. Passen sich an, anstatt auszubrechen. Übernehmen, anstatt sich zu verändern. Und was bleibt ist das Zeugnis einer Zeit. Einer Gesellschaft. Einer Schicht. Formengleichheit statt Formenvielfalt.

Neuanfang

Foto: © Andreas Bauer, 2012

Der laue Wind bläst durch die Straßen und streichelt die Stadt. Der Geruch von nassem Staub liegt in der Luft. Kleine Tropfen platschen auf den Asphalt. Verwandeln ihn in eine spiegelnde Fläche. Wischen den Schmutz der Großstadt hinfort. Sorgen für Frische und Glanz. Für einen Augenblick. Lassen die Stadt ruhen. Für einen Neuanfang. Damit sie morgens mit neuer Pracht erstrahlen kann.