Volltreffer

ZUM PODCAST

Es ist lange her, dass ich ein so tolles Date hatte. Um es genauer zu sagen, zwei tolle Dates. Oder ein Date mit Fortsetzung.

Ich war emotional ergriffen, vom Anfang bis zum Ende. Vom ersten bis zum letzten Wort. Ich war überwältigt von so unterschiedlichen Emotionen und so viel Gefühl. Ich war hingerissen von der gleichermaßen existierenden Wortgewandtheit und den schüchtern-kläglichen Versuchen sich auszudrücken.

Nach nur wenigen Worten hatte ich den Köder geschluckt. Mein Herz raste und kurze Pinkelpausen oder der Griff zur Tasse mit dem Kaffee lösten eine innere Unruhe aus. Ich konnte es kaum erwarten meine volle Aufmerksamkeit wieder meinem Date, diesen Worten und Emotionen zu widmen. Und ich fragte mich unentwegt: Wie würde es weitergehen? Wie würde es enden? Es endete offen und mein Innerstes verlangte nach mehr. Ein zweites Date musste her und zwar schnell. Ich konnte es kaum erwarten, ich konnte es kaum abwarten, sehnte es herbei. Und nur die Gewissheit, dass es eine Fortsetzung geben würde, ließ mich nach unruhigen, wachen Stunden doch noch ein paar Augenblicke Schlaf finden. Die Zeit erschien mir unendlich lang. Immer wieder ging ich die Worte durch, die so schöne Sätze ergaben, ein Bild formten und mir eine Geschichte erzählten. Ein wohliges Gefühl breitete sich aus und doch war da eine Angst, dass das Ganze schneller beendet sein könnte als mir lieb war.

Und dann war es endlich soweit. Die Fortsetzung folgte. Das zweite Date und wieder ein Volltreffer. Wieder tauchte ich ab, vergaß alles um mich herum, fühlte mich geborgen, aufgeregt und angespannt zugleich. Mit jedem weiteren Wort verliebte ich mich mehr. Diese Worte waren wie eine Droge, ich hing an der Angel.

Und dann kam das, was ich so gern herausgezögert hätte. Was ich nicht wollte, aber wusste das es kommen musste, damit es so gut blieb, wie es sich anfühlte: das Ende. Eine Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung machte sich breit. Enttäuschung weil es zu ende war, Erleichterung, weil ich nun wieder würde ruhig schlafen können, meine Aufmerksamkeit wieder auf etwas Anderes würde richten können. Und schließlich blieben mir die Erinnerungen an die Worte, die Bilder, die Gefühle, so sagte ich mir. Und diese breiteten sich wohlwollend in meinem Inneren aus. Ich seufzte, sagte Leb‘ wohl und speicherte diese tolle Erfahrung in meinem Herzen.

Wie toll kann doch ein Date mit einem Buch sein!!!

Ich kann nur empfehlen: „Gut gegen Nordwind“ und die Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ von Daniel Glattauer.

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Das Liebesleben der Pflastersteine

Als ich letztens durch „meine“ von Baggern aufgebuddelte Kopftseinpflasterstraße lief und die lieblos aufgeschütteten Steinhaufen sah, kam mir ein Gedanke in den Kopf geschossen. Ich erinnerte mich an meine Schulzeit. Warum? Nun ja, es gab zu dieser Zeit einen Raum mit der Nummer 302. Der Raum meiner Deutschlehrerin von der siebenten bis zur zehnten Klasse. Aus Datenschutzgründen werde ich ihren Namen nicht nennen. Zur Geschichte dieses Raumes muss gesagt werden, dass dort viele Aufsätze erteilt wurden. Wenn ein Schüler fragte über welches Thema er referieren soll, antwortete sie stets mit: „Über das Liebesleben der Pflastersteine natürlich!“ In Anbetracht dieser lieblos aufgeschütteten Pflastersteine „meiner“ Straße ist es mir sogleich ein Anliegen gewesen, jenes Thema näher unter die Lupe zu nehmen. Ich ahnte Schlimmes, denn wie soll angesichts der bestürzenden Lage und der stetigen Verdrängung von unseren Straßen ein Liebesleben möglich sein? Nun ja… und wie sollte es anders sein, meine Vermutung hat sich bestätigt: Ich habe lediglich erschreckende Neuigkeiten in Erfahrung gebracht.

Geschichtlich betrachte ist es so, dass der Urpflasterstein, der so genannte Katzenkopf, vom Aussterben bedroht ist. Wir finden ihn heute nur noch in ländlichen Regionen. Der Nachfolger, der etwas kleinere Pflasterstein ist auch in Großstädten noch ab und an zu finden. Die Entwicklung von Asphalt und anderen neuerlichen Spielereien um Fahrwege gefälliger zu machen hat jedoch dazu geführt, dass eine ganz neue Art von Straßenbelag existiert: durch Teer verbundene Pflastersteine unterschiedlichster Größe und Form. Ihrem freien Liebesleben wird dadurch jedoch nicht mehr viel Raum gelassen. Vielmehr handelt es sich heute nur noch um Zwangs-Zweckgemeinschaften mit den Nachbarn. Dies entspricht jedoch nicht dem ursprünglichen Naturell des historischen Pflastersteins. Der historische Pflasterstein neigt zwar zur Beständigkeit in seinen Liebesbeziehungen, aber er liebt die romantische Idee dahinter, nicht eine gezwungenermaßen herbeigeführte Verbundenheit durch Teer und anderlei Schnickschnack. Aufgrund seiner Lebensbedingungen ist der Pflasterstein ohnehin nur in der Lage, eine Liebesbeziehung zu seinem nördlichen, südlichen westlichen oder östlichen Nachbarn einzugehen. Mit steinerner Gemütsruhe kann diese dann über Jahrhunderte hinweg dauern. Jedenfalls war es einst so. Das fürchterlichste für einen Pflasterstein ist es deshalb, aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen und von seinem Partner getrennt zu werden. In früheren Zeiten ist das fast nie vorgekommen. In der heutigen Zeit allerdings Gang und Gebe. Eine große Tragödie für den Pflasterstein.

Unfähig an einer anderen Stelle neue innige Beziehungen aufzubauen, verkümmert das Liebesleben der heutigen Pflastersteine immer mehr. Sie fühlen sich nur noch als Abtreter der Gesellschaft. Besonders schlimm sind die Pflastersteine auf städtischen Wegen und Fußgängerzonen belastet. Jegliche Romantik dieser Pflastersteine ist abhanden gekommen.

Ja, die Pflastersteine der Geschichte waren sehr romantische Wesen. Auf einsamen Alleen konnten sie unter dem Blätterdach der Bäume, bei Vogelgezwitscher und spielendem Sonnenlicht ein sehr aktives Liebesleben führen. Nur hin und wieder wurden sie durch einsame Wanderer, Pferdehufen oder vorbei rollende Pferdekutschen gestört.

Sich vorzustellen, wie es dem Pflasterstein in der heutigen Zeit ergeht, braucht nicht viel Fantasie. Zur Verdeutlichung jedoch trotzdem ein kleines Zwiegespräch aus dem Alltag zweier verliebter und noch nicht auseinandergerissener Pflastersteine, was ich durch aufmerksames Beobachten und Ohren spitzen mitbekommen habe.

Werktags – Morgens 7.30 Uhr:

Pflasterstein 1:  „Morgen Liebling, hast du auch so schlecht geschlafen wie ich?“

Pflasterstein 2: „Oh ja, es war eine schreckliche Nacht. Es gab ja überhaupt keine Ruhe. Diese betrunkene Horde, noch in den frühen Morgenstunden, fürchterlich!“

Pflasterstein 1: „Ja ja, und nun geht es auch schon wieder lo… auuha! Diese Damen. Müssen die immer solche Hackenschuhe tragen? Die bohren sich ja richtig in den Kopf.“

Pflasterstein 2: „Achtung, zieh den Kopf ein Liebling. Da kommt eine ganze Schulklasse. Die trampeln ja wie die Elefanten.“

Pflasterstein 1: „AU au auhh!“

Pflasterstein 2: „Was hast du Liebling?“

Pflasterstein 1: „Jemand hat seine Zigarettenkippe auf  meinem Kopf ausgetreten.“

Pflasterstein 2: „Hast du große Schmerzen? Unser Leben ist wirklich nicht einfach. Aber immerhin sind wir noch zusammen, hast du gesehen wie sie letzten die Liesbeth und den Harry getrennt haben? Nun hockt er da allein und sie liegt auf dem Haufen zwischen all den jungen Wilden“

Pflasterstein 1: „Oh Schatz, du stinkst bestialisch.“

Pflasterstein 2: „Sorry, ein Straßenköder. Wie spät kommt die Straßenreinigung Liebling?“

Pflasterstein 1: „Ich glaube nicht vor 21.00 Uhr mein Schatz. Du musst es noch lange aushalten. Aber bei der Hitze trocknet der Haufen hoffentlich schnell aus.“

Pflasterstein 2: „Aber die Fliegen. Das kitzelt immer so gemein.“

An dieser Stelle möchte ich den Einblick in das Gespräch der Beiden beenden, denn trotz aller Widrigkeiten wurde es dann doch noch etwas intimer zwischen den Beiden und die wenige noch verbliebene Intimsphäre wollte ich den Beiden nicht auch noch stehlen und habe mein Gehör wieder dem Straßenlärm gewidmet. Dennoch trieb es mir einen Dolch in die Brust. Was für ein Schicksal… Und da beschwert sich unsereins über hässliche Schuhe am Objekt der Begierde oder ähnliches.

Ich hoffe ich konnte einen guten, kleinen Einblick in das Leben und Liebesleben der noch übrig gebliebenen Population von Pflastersteinen verschaffen. Auf dass ihr in Zukunft daran denkt, wem ihr so alles auf dem Kopf herumtanzt. Vielleicht unterbrecht ihr gerade ungewollte das Schäferstündchen zweier Liebender….