Diskretionszone

So ein Arztbesuch ist nicht lustig, so ein Arztbesuch der ist…

„Diskretion. Bitte halten Sie Abstand!“ „Diskretion. Bitte hier Warten!“ So oder so ähnlich lauten diverse Spruchtafeln und selbstausgedruckte, feinsäuberlich laminierte Zettel sobald man sich der Anmeldung einer Arztpraxis nähert. Noch schöner ist es, wenn dieser Bereich gleich zu einer Art Gefahrenzone ausgerufen wird: „Diskretionszone“. Eigentlich wollte ich mir nur ein paar Impfungen abholen und nicht noch einen Virus. Dank des Warnhinweises aber, schleicht sich sofort das Gefühl von Gefährdung ein. Man kann sie förmlich sehen, die nach deiner Gesundheit gierenden Viren und Bakterien. Bloß gut, dass ich nicht hypochondrisch veranlagt bin und mein Immunsystem nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Aber so Unrecht hat der menschliche Instinkt mit den einsetzenden Ausnahmezustandsszenarien vielleicht gar nicht. Immerhin befindet man sich hier möglicherweise mitten in einem Virenherd. Der Begriff ‚Diskretionszone’ ist somit zwar etwas dramatisiert, verschafft aber dem menschlichen Geist sogleich den Turbobooster in Sachen Obacht. Dieser wiederum sendet sofort das Signal ‚Abwehr’ an sämtliche Körperfunktionen und eine mögliche Infektion kann gerade noch abgewehrt werden. Aber zurück zur erbetenen Diskretion.

Oft findet man zusammen mit diesen ‚Abwehr’-Schildern eine farbenfrohe (oft rot, denn rot signalisiert ebenfalls ‚Obacht’ oder ‚Gefahr’) Abstandslinie auf dem Boden. Für Diejenigen die nicht lesen können (aus welchen Gründen auch immer, z.B. weil sie ihre Brille vergessen haben oder in ihrem desolaten Zustand die Augen nicht mehr richtig aufbekommen, etc. pepe). Oder schlicht und ergreifend zur Verdeutlichung der auf den Zetteln dargestellten Sachlage. Welche Sanktionen es nach sich zieht, wenn man Schilder und Markierungen missachtet, ist nicht überliefert. Von tödlichen Blicken der ohnehin oft mäßig gut gelaunten Arzthelferin (es sei ihnen nicht verübelt angesichts der sich ihnen gegenüber befindlichen Gefahrenzone) bis zur Selbstschussanlage wäre theoretisch alles möglich. Also was macht der Mensch: Lieber stehen bleiben. Man weiß ja nie…

Brav quetschen sich also alle Kranken, Kränkelnden und ich hinter die Abstandsmarkierung und bilden eine Reihe. Zu Grippewellenzeiten wie diesen kein leichtes Unterfangen. Die Schlange wird länger. Man muss näher rücken, um als Letzter in der Reihe nicht die sich ständig neu öffnende Praxistür in den Rücken gerammt zu bekommen und sich anschließend wegen eines akuten Rückenleidens auch noch zum Physiotherapeuten schleppen zu müssen. Immerhin ist so ein Anmeldebereich nicht unendlich groß. Mit dieser Menschenschlange wäre also die Diskretion des an der Anmeldung Stehenden physisch gegeben, die der Wartenden wohl eher nicht. Und genau aus diesem Grund (und natürlich aus dem eben erwähnten Platzmangel) wird langsam aber sicher die Symmetrie der Wartepolonaise unterwandert. Einzelne Patienten tanzen aus der Reihe und die eben noch disziplinierte, an eine Grundschulklasse auf Wandertag erinnernde Schlange verwandelt sich in zu einer wild wabernden, kleinen Herde. Deren Mitglieder ungeduldig mit den Hufen scharren, wild auf ihren Handydisplay herumschieben, ihre Krankenkassenkarte durch ständiges Kneten fast in einen anderen Aggregatzustand zu versetzen oder einfach nur genervt gucken. Einige (meist diejenigen, die in Begleitung kommen) scheinen es aufgrund der sich lösenden Akkuratesse mit der Diskretion nicht mehr so genau zu nehmen. Neben ihren eigenen Leiden – Frau Hinz hat einen hartnäckigen Herpes und Herrn Kunz’ Blutdrucktabletten gehen zur Neige – erfährt man allerlei pikante Details aus deren Privatleben. Ob man will oder nicht. Besser gesagt aus dem Privatleben ihrer Bekannten. Ob die wohl immer noch mit Frau Hinz, Herrn Kunz und deren Begleitern befreundet wären, wenn sie wüssten, dass hier gerade die „falsche“ Kindererziehung auseinander genommen und ein Hang zum Alkohol in die breite Öffentlichkeit getragen wird? Tratsch nennt man das wohl. Als ob es davon nicht schon genug in den sich stapelnden bunten Illustrierten auf den Tischen im Wartebereich gäbe. Aber gut, bis dahin haben es Frau Hinz und Herr Kunz plus Begleitung ja noch nicht geschafft. Für mich steht jedoch fest: Das nächste Mal nehme ich meine Kopfhörer mit und beschalle mich mit Musik!

Während also Frau Hinz und Herr Kunz kein Problem mit der Offenlegung ihrer Krankenakte haben, versuchen die endlich am Tresen Angelangten so lautlos wie möglich ihr Leiden zu schildern. Blöd nur, wenn die Arzthelferin das Gewisper nicht richtig versteht und die kleinen und großen Attraktionen der körperlichen Befindlichkeit des Patienten noch einmal lauter wiederholt. Zum Abgleich. Immer begleitet mit einem alarmierten Blick des Patienten hinter die Diskretionslinie, dass auch ja niemand etwas mitbekommen hat. Und hat der Leidende es dann endlich geschafft unter Wahrung seiner Krankengeheimnisse in den Wartebereich und das Behandlungszimmer zu kommen, wird er zum Glück nicht mehr Zeuge der Aufhebung seiner Intimsphäre seitens des Personals.

Ja, während die Patienten (bis auf wenige Ausnahmen) allesamt bemüht sind der „Diskretionsbitte“ nachzukommen, scheint diese vor dem Personal halt zu machen. Mit fast ohrenbetäubender Lautstärke erläutern sie Anrufenden ihre Beschwerden, Befunde, etc. am Telefon. Herr Mustermann muss noch einmal für eine nähere Defäkations-Untersuchung (Stuhlgangs) kommen, Frau Beispiel hat sich wohl mit Tripper angesteckt. Na herzlichen Glückwunsch!

Und während die Wartepolonaise munter in den Hausflurbereich übergeht und die Kaffeemaschine beruhigend im Hintergrund vor sich hin blubbert, schließen sich der Arzt aus Behandlungszimmer 1 und der Arzt aus Behandlungszimmer 2 in der Ecke des Flures kurz, wie man Herr Beispiel aus Behandlungszimmer 1 am besten mitteilt, dass er inkontinent ist und endlich eine Pflegestufe beantragen sollte.

Als sich Herr Beispiel wenige Minuten später seinen Weg vom Behandlungszimmer, über den vollgestopften Anmeldebereich bahnt, beobachte ich, wie sich die Blicke aller Anwesenden an seine Hose heften. Und die Diskretion lacht sich hämisch ins Fäustchen…

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