Das arme Vieh

Der Mensch ist ein sehr wissbegieriges und neugieriges Wesen. Ein experimentierfreudiges obendrein. Das sind wohl auch die Gründe dafür, weshalb der Mensch das geworden ist, was er ist. Und weshalb die Gesellschaft so existiert, wie sie existiert. Und es sind die Motive, weshalb sich der Mensch herausnimmt über andere Lebewesen zu herrschen. Sie für seinen Wissensdurst und seine Experimentierfreude zu „missbrauchen“.

Und das beginnt nicht erst im Labor, bei der Gentechnik, in der Kosmetikindustrie, etc. Nein, es beginnt bereits auf der heimischen Couch. Da gibt es z.B. Menschen dir ihrer Katze im Schlaf die Zunge aus dem Maul ziehen, um zu testen wann sich das arme Tier aus der Ruhe bringen lässt. Lustig oder gemein? Da gibt es Menschen, die ihrem Vierbeinern schreckliche Textilien auf dem Leib schneidern lassen, nur um ihren Wohlstand zu demonstrieren. Nicht weiter schlimm oder Quälerei? Und da gibt Menschen, die im Dienste der Wissenschaft Fernsehsendungen machen und ansehen, in denen Tiere vorgeführt werden.

Ja, Tiere im Fernsehen sind eine Sache für sich. Und ich spreche hier nicht von Dokumentationen, in denen Tiere z.B. in ihrer natürlichen Umgebung gezeigt werden. Ich spreche von Fernsehsendungen, in denen man Tiere zu Anschauungszwecken ins Studio holt. Es sei mal dahin gestellt, ob man den Tieren damit Leid zufügt, oder ob sie es gar nicht als so schlimm empfinden. Das wird wohl niemand eindeutig belegen können, denn das Tier vermag es dem Menschen wohl nicht eindeutig genug vermitteln zu können. Bzw. schreibt sich der Mensch ja auch hier die Fähigkeit zu, es aufgrund von Tests, etc. belegen zu können. Er spielt mal wieder allwissend. Fakt ist aber, es wird nie einen unumstößlichen Beweis dafür oder dagegen geben. Aber zurück zum Thema. Ungeachtet dessen, ob es für ein Tier Stress bedeutet sich in einem Studio aufhalten zu müssen: Muss man denn so ein armes Tier auch noch zu Anschauungszwecken verwirren? Ich für meinen Teil sehe das sehr zwiespältig und habe damit letztens zur Erheiterung einiger Freunde beigetragen, als ich voller Inbrunst Partei für ein im Fernsehen vorgeführtes Reh ergriff.

In einer Ratesendung des deutschen Privatfernsehens ging es um Rotwild, ihr Brunftverhalten und dessen Sound. Zu Anschauungszwecken hatte man einem feingliedrigen, großäugigen Reh ein Gatter ins Studio gestellt, in dem es zugegebener Maßen friedlich graste. Was schon mal absolut bewundernswert ist, wenn man bedenkt, dass es dort von hunderten Live-Zuschauern begafft und von grellem Licht in Szene gesetzt wurde. Zumindest machte es äußerlich den Anschein als würde es in sich ruhen. Denn wer weiß, ob das kleine Herzchen nicht bereits bis zum Anschlag raste. Sollte das kleine Herzchen bis jetzt tatsächlich noch im Ruhezustand gewesen sein, würde sich das gleich ändern… Der Herr, der das Reh angeschleppt hatte, hatte auch eine Tröte bei sich. Eine Tröte die bei richtigem Gebrauch den Brunftschrei eines Hirsches imitieren sollte. Und er trötete fröhlich vor sich hin. Auch die an der Sendung beteiligte Prominenz gab ihr Bestes. Und das arme Reh? Erst wackelte es nur aufgeregt mit seinen Ohren, dann trabte es völlig beunruhigt durchs Gatter und schaute mit einem Wahnsinnsblick hin und her. Und ich? Ich echauffierte mich lautstark wie gemein es doch ist, das arme Reh so zu verwirren und spitz zu machen. Erst tröten da alle und suggerieren dem armen Vieh, dass es gleich begattet wird und dann? Nix und dann! Das ist doch frustrierend für das arme Reh. Zieht man mal hinzu, dass weibliche Tiere den Paarungsakt oft nicht nur voller Freude absolvieren, sondern durch das Balzverhalten ihrer brunftigen männlichen Artgenossen wohl auch in eine Art Stress versetzt werden, wird das Szenario noch absurder. Dann ist das Reh in der Fernsehsendung nicht nur spitz sondern auch noch panisch. Spitzpanisch. Und genau diesen Eindruck machte das anfangs so ruhige Tier dann auch. Die großen friedlichen Kulleraugen waren plötzlich noch größer und irrten wahnsinnig blickend hin und her. Der feingliedrig, sich so geschmeidig bewegende Körper wackelte plötzlich aufgeregt und drohte zu kollabieren. Das Reh rannte von einem Gatterende zum nächsten. Flucht war ja nicht möglich…

Und all das zu Unterhaltungszwecken… Ich, empathisch wie ich nun mal bin, fühlte auf jeden Fall mit dem armen Reh mit. Was würde denn der Mensch sagen, wenn da ein Tier daherkäme, an ihm herummachen würde und sich dann mit seinen Artgenossen darüber freuen würde, dass es funktioniert und ihn dann aber unbefriedigt zurücklassen? Jap… Das will doch auch keiner. Also meine Damen und Herren vom und vorm Fernsehen: Muss das sein? Ist das noch lustig? Oder ist es gar nicht so schlimm (für das Reh) wie ich denke?

An und für sich sind Neugierde und Interesse an Wissen und Information ja eine sehr gute Sache. Eigenschaften, die ich durchaus beführworte. Denn Stillstand ist ist nicht gerade erstrebenswert. Und Interesse an etwas zu haben, bedeutet Leidenschaft. Und leidesnchaftliche Menschens sind oft glücklichere Menschen. Die Frage die aber bleibt ist: Muss man andere Lebewesen in ihrer Leidenschaft beirren um seine eigene zu befridigen? Hm….

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Mut zur Lücke

Ich habe Film studiert. Sofern man das so allgemein sagen kann. Das verrückte daran ist, dass nun viele Menschen annehmen, ich müsste deshalb jeden Film kennen, gucken und lieben. Aber warum? Ich bin doch keine Film-Datenbank! Und überdies weigere ich mich auch eine Solche zu sein.

Was hatte ich nicht schon für Diskussionen darüber… Und was habe ich schon an verdutzen Gesichtern und Äußerungen erlebt. „Das musst du doch gesehen haben!“ „Wie kannst du nur sagen, das will ich nicht sehen!“ „Das ist eine Bildungslücke!“ Zunächst habe ich all diese Äußerungen über mich ergehen lassen und mich schlecht gefühlt, habe mich notfalls verteidigt. Doch mit der Zeit habe ich inneren Widerstand entwickelt. Und wenn ich heute eine solche Aussage höre, dann denke ich mir: Hallo, schonmal was von individuellem Geschmack gehört? Und wer legt bitte fest was eine Bidlungslücke ist und was nicht? Auch wenn ich Film studiert habe und/oder vielleicht gerade deshalb muss und kann ich mir nicht alles ansehen. Jedem anderem Erdenbewohner wird doch auch das Recht des eigenen Geschmacks zugestanden. Warum also nicht mir? Natürlich mag es komisch sein, dass ich als ehemaliger Filmstudent keinen einzigen „Harry Potter“ gesehen habe, dass ich nicht vor Begeisterung an die Decke springe, wenn ich „Pulp Fiction“ höre und das ich sage „Sorry, aber mit Quentin Tarrantino-Filmen kann ich nicht viel anfangen.“ Aber so ist es nunmal. Und, bin ich deshalb ein schlechterer Mensch? Und wertet das meine Kompetenz als Medienwissenschaftler ab? Ich denke nein. Puh! Nun ist es raus…

Lange Zeit war aber auch ich der Meinung, dass ich alles können und wissen muss. Nicht nur in dem Bereich, den ich studiert habe, sondern einfach in Allem und Überall. Und so geht es wahrschinlich vielen Leuten. Da hastet man irgendwelchen Informationen und Wissen nach, nur um auf dem neusten Stand zu sein… Und wofür das Alles? Seien wir dochmal ehrlich, nicht wirklich für uns selbst sondern für die Anderen. Um nicht als dumm dazustehen, um mitreden zu können, um Eindruck zu schinden… Die Liste ließe sich wahrscheinlich ellenlang fortführen. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass man sich Alles nur für Andere aneignet, nein, ganz im Gegenteil. Aber wenn man sich dabei ertappt, dass man eigentlich gar kein Interesse an Etwas hat es und es sich trotzdem aneignet, sollte man’s lassen. Mich hat es ein hartes Stück Arbeit gekostet das so für mich anzunehmen, denn es ist natürlich viel toller wenn man auf Alles eine Antwort weiß und zu Allem etwas sagen kann. Dachte ich zumindest lange Zeit. Aber im Grunde verstopfen all diese Informationen, all dieses Wissen nur meine Synapsen und hindern mich letztlich daran in Etwas besonders gut zu sein und meine eigenen Interessen voll zu entfalten. Von Allem ein Bisschen, aber nichts Ganzes? Nichts für mich. Nicht mehr.

Ja, miit dem Alter ;) ereilte dann eben auch mich die Erkenntnis, dass ich nicht Alles können und wissen kann. Und vor allem auch, dass ich nicht Alles können und wissen muss!!! Nicht einmal auf meinem „Spezialgebiet“. Und sind es nicht auch gerade die „Besserwisser“ die immer negativ auffallen? Natürlich muss man nicht mit seinem Wissen hausieren gehen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir all das Wissen nichts bringt, wenn ich nicht mit Leidenschaft dahinter stehe.

Und sind wir noch einmal ehrlich: Es wäre auch ziemlich langweilig, wenn man Alles kann und weiß. Was hätte ich denn davon oder auch Andere, wenn ich alle Filme gesehen habe und liebe? Lediglich eine Reizüberflutung und mit Sicherheit irgendwann eine Macke. Und im Prinzip wäre das Leben doch trostlos und langweilig, wenn ich immer recht hätte :D So etwas wie ein Erfolgserlebnis gäbe es dann wohl nicht. Weder für mich, noch für Andere. Und gerade unterschiedliche Geschmäcker und Vorlieben und die daraus resultierenden angeregten und hitzigen Diskussionen machen es doch erst spannend.

Insofern würde ich mal sagen: „Mut zur Lücke!“