Singles – Die Solisten der Gesellschaft

ZUM PODCAST

Nachdem mir letztens zu Ohren gekommen ist, dass Großstadtsingles neurotisch sind und sich deshalb nicht wundern bräuchten, wenn sie Single bleiben, habe ich mal wieder meine Argusaugen und -ohren geschärft & gespitzt und mich ein wenig umgehört. Natürlich will ich nicht abstreiten, dass es neurotische Singles gibt. Ein Klischee hat ja auch seinen Ursprung. ;) Aber oft wird dieses Bild eben von den Schrulligsten geprägt und hat mit der breiten Masse wenig zu tun. Das jedoch nur am Rande. Viel fragwürdiger fand ich die eigentliche Botschaft dieser Aussage: ‚Single sein ist ein Mangel.‘ Sogleich stellte sich deshalb mein Gerechtigkeitssinn ein und fragte sich: Wer sagt denn, dass der Single nicht auch gern ein Single ist und bleiben will? Wer sagt, dass er/sie unter dem ‚Zustand‘ leidet? Ich nenne es auch im Folgenden einfach weiterhin ‚Zustand‘, denn oft wird ja so getan, als wäre es eine absolut unerträgliche Situation, aus der man möglichst schnell erlöst werden müsse. Und wieso wird sofort davon ausgegangen, dass etwas am Single nicht stimmen kann, weil er/sie single ist? Denken wirklich die meisten so, oder ist oben genannte Aussage nur eine Ausnahme?

Zwar wird heute immer wieder von einer Singlegesellschaft gesprochen – es gibt angeblich immer mehr, man kann immer öfter kleine Wohnungen mieten, es gibt kleine Verpackungsgrößen im Supermarkt, etc. – gleichwohl ist die Gesellschaft nicht auf Singles ausgerichtet. Alles dreht sich immer nur um Paare, Partnerschaft und Beziehungen. Indirekt herrscht eine Pärchendiktatur. Und so bleibt der Single meist Einzelkämpfer. Besonders schwierig ist es für diejenigen, die sich als einziger Single unter lauter Pärchen befinden. Und das sind dann wohl auch die, die ihren Status hin und wieder selbst beweinen und damit wunderlich wirken. Zwar hat man auch andere gesellschaftliche Rollen als nur Partner oder Freund zu sein, aber was sie immer wieder vor Augen geführt bekommen ist: Da fehlt was, wenn da Niemand ist. Denn wer als Single unter Pärchen seine Freizeit nicht rechtzeitig organisiert schaut oftmals dumm aus der Wäsche. Paare warten nämlich nicht auf die Frage: „Lust was zu unternehmen?“ Und Paare sehen auch nicht die Notwendigkeit augenblicklich darauf zu antworten, damit besagter Single bei einer Negativantwort gegebenenfalls noch ein anderes Pärchen fragen kann. Wenn es der Single dann doch geschafft hat seine Pärchenfreunde zu mobilisieren bekommt er/sie die volle Dröhnung. Denn dann sitzt er/sie mutterseelenallein zwischen zärtlich turtelnden oder auch streitenden Pärchen. Und das was er am Singleleben hat verpufft. Was für ein Horror. Doch letztlich ist es dann wieder der Single der sich anstellt und den anderen ihr Glück nicht gönnt – angesichts streitender Pärchen ein eher lächerlicher Vorwurf :P

Dem Single der heutigen Gesellschaft wird oft persönliches Versagen auf emotionaler Ebene und damit einhergehend, eine gewisse Lebensleere unterstellt. Das ist für betreffende Personen nicht nur wahnsinnig kränkend, sondern irgendwie auch ein trauriges Zeugnis unserer Gesellschaft. Natürlich denken nicht alle so über Singles. Und viele tragen diese Meinung sicher auch ehr unbewusst mit sich herum, meinen es wohl gar nicht böswillig. Aber warum herrscht inzwischen überhaupt ein solches Bild in der Gesellschaft vor? Waren es nicht einst noch die Singles, die beneidet wurden? Die als rebellisch und bewundernswert galten? Warum sind sie nun die mit dem monströsen Problem, mit dem schweren Schicksal?

Der Grund für das in vieler Augen beklagungswürdige Bild des Singles mag unter anderem darin liegen, dass Familie und Partnerschaft heute wieder einen viel größeren Stellenwert einnehmen. Aber dann heißt es bei Singles oft: „Ach wie, du kommst allein, du Armer!“ Wobei, vielleicht sollte es auch eher noch heißen: „Du Arme!“ Denn wie ich ebenfalls beobachtet habe, macht die Gesellschaft da noch einen gehörigen Unterschied zwischen Singlemännern und Singlefrauen. Während Männer doch hin und wieder noch für ihren ‚Zustand‘ beneidet werden, werden Frauen eher bemitleidet. Ja, während man Männern noch zuschreibt, dass sie ihr Solistendasein frei wählen, unterstellt man Frauen oft genug einfach nur einen Defekt. Man geht davon aus, dass sie ihre Situation verabscheuen und eigentlich immer auf der Suche nach ‚Mr.Perfect‘ sind, den sie aber ohnehin nicht finden, weil es ihn gar nicht gibt. Wer das nicht zugeben will, gilt schnell als seltsam. Wenn man aber einräumt, doch auch gern einen Partner haben zu wollen, wird gleich der letzte übrig gebliebene Singlefreund des Abends vorgestellt. Und wieder bekommt der Single damit den Stempel ‚Allein bist du Nichts!‘ aufgedrückt. Wenn sich besagter Single dann auch noch erdreistet den Angebotenen zu verschmähen, wird er/sie als undankbar, zu anspruchsvoll und demnach ohnehin nicht für eine Beziehung geeignet abgetan. Dabei lassen Personen, die solche Verkupplungsaktionen starten, hin und wieder außer Acht, dass auch ein Single ein menschliches Wesen mit eigenem Willen, Interessen und Vorlieben ist. Und vielleicht möchte sich dieses Wesen eben nicht einfach mit jedem X-Beliebigen verpaaren lassen, nur um nicht mehr Single zu sein. Ich will ja gar nicht abstreiten, dass Freunde vielleicht sogar ein Gespür dafür haben können, wer zusammen passt und wer nicht, aber all zu oft ist es eben doch nicht der Fall, weil die Auswahl derer, die überhaupt noch in Frage kommt, bereits sehr aufgeräumt ist.
Zudem wird dabei auch immer wieder gern außer acht gelassen, dass es durchaus Frauen und Männer gibt, die diesen ‚Singlestatus‘ frei wählen. Aus welchen Gründen auch immer, die Bandbreite ist ja groß. Sie wollen einfach nicht!!! Sie haben Spaß daran Single zu sein. Denn sind wir mal ehrlich: Es gibt so viele schreckliche Beziehungen, so viele grässliche Ehen. Und warum bleiben sie zusammen? Druck der Gesellschaft? Angst vor dem Alleinsein? Damit man einen Zeitzeugen seines eigenen Daseins hat? Aber nein, niemand fragt: „Warum hast du denn jetzt einen Partner?“ oder „Warum bist du denn noch immer mit deinem Partner zusammen?“ Aber alle fragen: „Warum hast du denn keinen Partner?“

Der heutige Single – egal ob freiwillig oder notgedrungen – steht dadurch permanent unter einer Art Rechtfertigungsdruck. Ständig muss er sich vor anderen und auch vor sich selbst erklären und hinterfragen.  Warum bin ich Single? Will ich das? Wenn nicht, warum bin ich immernoch allein? Kein Wunder also, dass man da als Single schlechte Laune bekommt und eigentümlich wird. Irgendwann färbt sowas ja schließlich auch ab und am Ende glaubt man vielleicht selbst noch daran beziehungsunfähig zu sein und sucht die Fehler bei sich. Und obendrauf wird der arme Single dann dafür auch noch als neurotisch beschimpft. Na herzlichen Glückwunsch lieber Gesellschaftssolist. 100 Punkte für den Kandidaten.

Ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen, Akzeptanz und bis zu einem gewissen Grad vielleicht auch Verständnis auf beiden Seiten würde eine Annäherung begünstigen. Dann wäre das Bild der Singles vielleicht weniger von Neurosen geprägt und das der Pärchen nicht mehr so klischeebeladen dominant.

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Emotionally taken…

Vor ein paar Stunden habe ich einen Emotionscrash erlebt. Ich hatte ein Drehbuch gelesen. Wie gebannt sog ich die Worte in mich auf, inhalierte sie förmlich. Und spürte wie sich da etwas um mein Herz legte. Es solange piesackte, bis es nachgab und einfach nur fühlte… Als ich das Drehbuch beendet hatte, war ich vollkommen konfus. Gefühlsmäßig neben der Spur. Als hätte ich die Geschichte, die ich da gerade konsumiert habe selbst erlebt. Auch Minuten danach zittern meine Hände, das Herz raste. Die Gedanken schwirrten und die Augen kämpften mit drohender Feuchtigkeit. Ich war emotional ergriffen. Hatte das Gefühl zu platzen.

Das erinnerte mich an ein Gespräch vor nicht all zu langer Zeit. Mein Gesprächspartner berichtete von einem Kinobesuch und wunderte sich, dass er von dem Film emotional so angetan war, dass er drauf und dran war, sich in ein Auto zu setzten, zu seinem kranken Vater zu fahren und ihm endlich mal zu sagen, dass er ihn liebt. Trotz all der Dinge die zwischen ihnen stehen. Er tat es nicht. Viel zu überrumpelt war er von dem plötzlichen Gefühlsausbruch, der da so unverblümt emporschoss. Viel zu ergriffen war er, dass er angestachelt durch einen Film seine eigenen Gefühle wahrnehmen konnte, wo es ihm im realen Leben so schwer fällt diese zu orten, zu deuten und vor allem auch zu leben. Ich dachte nicht weiter drüber nach, als er mir das erzählte. Dachte, gut möglich, mir persönlich aber schon lange nicht mehr passiert. Bis eben…

Und deshalb kam ich ins grübeln. Erinnerte mich an ähnliche Gespräche, Situationen, etc. Und musste feststellen, dass es wohl einigen so geht. Also absolut nicht verwunderlich. Immerhin ist es viel einfacher ein fremdes Schicksal an sich heran zu lassen, als sein eigenes. Also ein fiktives Schicksal. Wo man sich so richtig in die Emotionen fallen lassen kann, weil man davon ausgeht, dass sie auf Dauer bei einem selbst nichts verändern wird. Weil man in diesem Moment die Zeit hat, sich darauf einzulassen. Weil man nicht abgelenkt ist, sondern den Fokus wirklich auf die Geschichte und die Gemütsbewegungen legen kann. Und dann passiert es eben vielleicht, dass man an die fiktiven Emotionen anknüpfen kann. Weil man diese vielleicht auch kennt. Weil man sie selbst bereits lange in sich trägt, aber noch keinen Moment gefunden hat um sich damit auseinander zu setzten. Sich die Zeit vielleicht auch gar nicht gegönnt hat. Ja, und dann kann es eben sein, dass man einen Film sieht, ein Buch liest, oder auch nur ein Lied hört und schlagartig geflasht ist. Völlig überwältigt von den Gefühlen die da auf einmal emporschießen wie Pilze aus dem Boden. Ganz und gar irritiert von der Tatsache, dass diese fiktiven Emotionen doch etwas verändern, weil sie zu den eigenen werden. Weil sie den eigenen Emotionshaushalt öffnen. Das eigene Ich angreifen und damit reale Erlebnisse in den Fokus rücken. Ob weitreichender oder auch nur für diesen einen Augenblick ist wohl individuell verschieden. Je nach Typ. Je nach Emotion. Je nach Stärke der Erinnerung. Je nachdem, was man zulässt. Was man ertragen kann und will.

Tanzen wir nämlich in unserem eigenen Film, ist das mit dem fühlen, zulassen und rauslassen der Emotionen so eine Sache. Manche spüren sich vielleicht nicht einmal. Weil sie es sich nicht erlauben. Weil sie durchs Leben hasten und dem Fühlen keine Zeit einräumen. Weil sie fürchten, damit Schwäche zu zeigen. Weil sie Angst haben, sie nicht aushalten zu können. Ihnen nicht gewachsen zu sein. Bedenken hegen, dass sie unangebracht, übertrieben oder auch einfach nur unangenehm sind. Deshalb verdrängen sie all zu oft. Und verschließen sie. Packen sie ein, in Worte und Taten. Fassen sie mit Samthandschuhen an und machen sie somit unnahbar und erträglich. Und vergessen darüber was sie wirklich im Stande sind zu fühlen. An eigenen Emotionen. So können manche am Sarg eines Verwandten stehen und keine Miene verziehen. Wenn jedoch im Film jemand zu Grabe getragen wird, wird ihnen flau im Magen und sie müssen mit den Tränen kämpfen. So können manche Gefühle von Liebe und Zuneigung einfach verdrängen. Lesen sie aber ein Buch, in dem sich zwei Menschen so sehr lieben aber dennoch nicht bekommen, brechen sie in Tränen aus.

Dann erwischt es sie kalt. Nichts ahnend. Unbehelligt. Weil der alltägliche emotionale Trott aus den Angeln gehoben wird. Dann sitzen sie da und fühlen sich wie im falschen Film. Denken: Was ist denn jetzt kaputt? Sehen sich mit Gefühlen, Sehnsüchten und Gedanken konfrontiert, die sie verdrängt hatten. So schön in Watte gepackt hatten. Weil sie sonst aufhalten. Den Alltag unterbrechen und vom Weg ablenken. Aber wer sagt denn, dass das Verlassen des Weges so schlimm ist? Kann man sein Ziel nicht auch mit Umwegen erreichen?

Ist es da nicht sogar ein Segen, dass es Klänge, Bilder und Worte gibt, die uns an unsere eigenen Emotionen erinnern?! Die den Herz- und Hirntresor öffnen um gut verschlossene Erlebnisse und Begegnungen zu Tage zu fördern. Fordern Stellung zu beziehen. Für diesen einem Moment zu spüren und auszuleben. Stellvertretend. Um endlich mal wieder durchatmen zu können. Den Tresor zu leeren. Das Herz zu befreien. Und Platz zu schaffen für all die kommenden Erlebnisse, Ereignisse und Gefühle. Stellt euch nur vor es würde diese Momente nicht geben? Ich sage nur Stau. Explosion. Implosion. Extrem. Und Extreme sind wohl nie gut, oder?

Also raus mit den Gefühlen. Emotionalitly doesn’t mean weakness.