Tanzen will gelernt sein

Als ich letztens in einem Club so vor mich hintanzte und nach einigen Minuten völliger mentaler Abwesenheit wieder zu mir kam, fiel mein Blick auf einen sehr auffälligen Tänzer. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Warum? Er boxte lustig vor sich hin. Ja, hätte man all die Menschen um ihn herum ausgeblendet oder wegretuschiert, und mich, die ich direkt vor ihm Stand via Photoshop in einen Boxsack verwandelt, wäre er schlicht und ergreifend als Boxer durchgegangen. Unwillkürlich begann ich seinen Schlägen auszuweichen, was nicht gerade einfach war, angesichts der gut gefüllten Tanzfläche. Und da gab es ein weiteres Problem. Desto mehr ich mich von dem Boxer entfernte, desto mehr geriet ich in die Fänge des Haare-Schmeißers. Und ehrlich gesagt, ich weiß nicht was besser ist: Einen Fausthieb abbekommen, oder curliges, arschlanges, schwitziges Haar? Ich glaube sogar Letzteres peitscht mehr.

Ich sah an mir herunter, wie ich nun angesichts der mich umgebenden Bedrohungen immer schmaler wurde, meine Bewegungen immer mehr einschränkte. So macht Tanzen keinen Spaß und noch dazu musste ich hier um meine körperliche Unversehrtheit bangen. Ich zog es also vor die Tanzfläche erst einmal zu verlassen und positionierte mich zu meinen Begleitern an den Rand. Atemlos berichtete ich von der Gefahr, der ich gerade noch entkommen konnte und schwubs hatte ich das Thema des Abends losgetreten. Denn nun fielen uns immer mehr eigenartige Tanzstile auf.

Neben den Boxern (und vielen weiteren Sportlern wie z.B. Basketballern, Tischtennisspielern, Volleyballern, etc.) und den Haare-Schmeißern gibt es noch die Rücken-Verbieger. Jene Tanzenden, die aussehen, als würden sie Limbo tanzen. Nur eben ohne Stange. Bei ihrem Anblick ist man drauf und dran den Notarzt zu rufen. Aus Angst, sie könnten ihr Gleichgewicht verlieren und sich den Rücken brechen oder mit den Kopf aufschlagen. Wie machen sie das nur? Wenn ich mich so nach hinten verbiegen würde, würde ich nie im Leben wieder nach oben kommen. Geschweige den die Füße heben können, um dem Ganzen wenigstens einen gewissen Flair von Tanzschritten einzuverleiben. Nun gut, vielleicht bin ich einfach nicht gelenkig genug oder werde alt. Bzw. bei  genauem Hinsehen bekomme es auch die wertenden Damen und Herren dieser Tanz-Kategorie nicht wirklich hin. Das lässt es wohl auch so schräg aussehen. Alles in Allem versprüht dieser Tanzstil keinerlei Geschmeidigkeit, Ansehnlichkeit oder gar Erotik. Es sieht schlicht und ergreifend schauerlich aus.

Eine weitere Kategorie der Spezies „ausfälliger Tänzer“ sind diejenigen, die einfach sämtliche Gliedmaßen wild und unrhythmisch um sich schmeißen. Sie wirken, als hätten sie gerade einen Anfall und auch bei ihnen möchte man hin und wieder einfach nur einen Arzt dazurufen oder flüchten. Abbekommen möchte ich ihre Körperteile jedenfalls nicht.

Neben all diesen extrovertiert Tanzenden gibt es auch noch die Introvertierten. Unter anderem diejenigen, die aussehen als hätten sie einen Besenstil verschluckt. Kerzengrade und steif stehen sie da auf der Tanzfläche und versuchen sich zu Bewegen, ohne sich zu viel zu Bewegen. Eigenartig. Hier beschleicht mich immer der Wunsch ihnen den Stock aus dem Allerwertesten zu ziehen. Wenn ihn ihnen dafür nicht an ebendiesen greifen müsste – was mir dann für den ersten Kontakt doch etwas zu intim ist – würde ich es vielleicht sogar tun. Denn ich stelle mit so ein Stück Holz ziemlich unbequem vor. Das drückt doch bestimmt…

Des Weiteren gibt es die Gattung „Hilfe, ich hab’ Angst!“. Meistens Damen, die versuchen sich so klein und Platz sparend wie möglich zu machen. Kommt ihnen ein anderer Tänzer oder eine andere Tänzerin nur ansatzweise näher, schrecken sie zurück wie ein scheues Reh und brauchen eine gewissen Zeit um sich von ihrem Schreck wieder zu erholen. Ihr Gegenstück sind diejenigen (auch meist Damen), die einen mit größter Freude und Euphorie ihre für die Tanzfläche viel zu großen Taschen oder Arme in die Rippen hauen. Vielleicht könnte man sie auch zu den Boxern zählen. Oder aber als Platzhirsche bzw. –rehe bezeichnen.

Und dann gibt es noch die Sorte „Ich habe zu tief ins Glas geschaut“. Eine sehr anstrengende Gattung. Wenn sie nicht gerade dabei sind ihr Getränk quer über die Tanzfläche zu spritzen und die Klamotten aller anderen mit lustigen Flecken aufzupimpen, oder gar gleich ihr gesamtes Getränk samt Behältnis klirrend und splitternd über den ganzen Boden zu verteilen und jedem anderen Tanzenden damit das Tanzen zu vermiesen – denn Tanzen mit Scherben am Schuh macht wirklich keinen Spaß – fallen sie fast auf dich herauf und lallen dir dabei auch noch sinnlose Dinge in die Visage. Vielen Dank für den Atemtest. Allein durch den dadurch anhaften Alkohol-Hauch an mir, würde ich in jeder Polizeikontrolle herausgezogen werden.

Summa summarum: Faszinierend, so ein Blick über die Tanzfläche. Da vereinen sich Welten: Die von Sportlern, Tieren, Selbstdarstellern, etc. Und wie ich so schaute, begann ich wieder mit den Hüften zu wackeln. Mein Blick fiel an mir herunter und mich beschlich das Gefühl, dass auch ich immer die selben Moves mache. Ich schaute noch einmal genauer an mir herunter. Diesmal etwas panischer. Aus Angst ich müsste mich nun gleich selbst in eine der gerade beobachteten Gattungen einzusortieren. Erleichtert stellte ich fest, dass ich jedoch in keine der Gruppen passte. Oder doch? Wie hatte vorhin noch meine Freundin zu mir gesagt: Du bewegst dich geschmeidig wie eine Schlage. Hilfe, ein Tier??? Ich versuchte mich zu beruhigen: Solange es nur die Geschmeidigkeit und nicht die Bissigkeit ist, ist ja alles gut :)

Also ein Hoch auf das Tanzbein. Lassen wir es s(ch)wingen…

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