Wir sind anti…

Antikörper. Antibabypille. Antiallergikum. Antichrist. Antibiose. Antibakteriell. Antidepressivum. Antivirus. Antiheld…. Und inzwischen ganz brandaktuell auch Antischwarm. Ja, dieses Wort kam mir letztens wirklich unter die Augen und ich fragte mich: Ist unsere Gesellschaft denn nur noch anti? Allein 350 Wörter lassen sich auf Anhieb im Netz finden, wenn man nach Worten mit „anti-“ sucht. Die Trefferquote für Seiten zum Inhalt „anti“ liegt bei ungefähr 1.600.000.000.

Diese uralte kleine Vorsible mit der griechischen Herkunft hat sich klammheimlich in unseren Sprachgebrauch geschummelt und ist zu einem eigenständigen Wort geworden. Geradezu zu einem Modewort. Vor 14 Jahren hieß es bei den Ärzten in ihrem Song „Rebell“ noch schlicht und ergreifend „Ich bin dagegen…“. Heute ist man einfach nur noch anti. Na wenn das mal kein Statement ist… ;)

Das spannende daran ist, dass sich der Klang und der Gebrauch dieser kleine Vorsilbe so enorm geändert hat. Von der Vorsilbe zum Wort. Und wurden Worte mit „anti-“ früher noch verwendet um sich gewählt auszudrücken, ist es heute ein Ausdruck cooler Gebärden. So hört man z.B. Jugendliche im Park pöbeln: „Ey was bis’n du so anti?“. Das Wort wird also nur noch so dahingerotzt und drückt damit eine eher extreme Abwehrhaltung aus, als das laut Duden ursprüngliche „gegen / entgegen / nicht“. Das kleine anti ist zu einem Gemütszustand umgewandelt worden, hat etwas Endgültiges. Etwas, was keine Widerrede oder Nachfrage zulässt. Und ist dem heutigen abgekürzten Sprachstil damit ja auch viel zuträglicher als zu fragen: „Was hast du denn heute nur? Was ist los? Was bedrückt dich?“

In gewisser Weise spiegelt also auch die veränderte und rapide zugenommene Anwendung dieses kleinen Wortes, die Wandlung unserer Gesellschaft wieder. Man ist nicht mehr wirklich an den Belangen Anderer interessiert. Deswegen fragt man eben nicht nach dem Befinden, sondern nimmt ebendieses einfach gleich ziemlich hart vorweg. Wie gesagt wenn man anti ist, klingt das nach einem endgültigen Statement. Und wenn man jemand Anderem unterstellt anti zu sein, nimmt dies ebenfalls den Wind für weitere Erörterungen aus dem Segel. Also nicht, dass der „Beschuldigte“ nicht anfangen könnte zu widersprechen. Nein, das auf keinen Fall. Aber sagt jemand „Du bist anti“ drückt es doch in gewisser Weise seine nicht vorhandene Bereitschaft für eine Diskussion aus. So nach dem Motto: „Ah ich seh’ schon, du bist dagegen, also brauchen wir auch gar nicht weiter drüber reden.“ Und eigentlich drückt man damit nur seine eigene Abwehrhaltung aus. Umso schöner ist es doch, wenn man da ein paar Menschen weiß, die sich noch für die Stimmung hinter dem eventuellen anti interessieren.

Natürlich kennt wohl jeder das Gefühl, hin und wieder gegen eine bestimmte Sache eine Abwehrhaltung zu entwickeln. Für meinen Teil passiert dies vor allem bei Dingen die so extrem gehypt werden und davon ausgegangen wird, dass jeder mitmachen MUSS. Ja doch, da kann ich dann auch schon mal anti werden. Und dennoch würde ich meine nicht vorhandene emotionale Anteilnahme an besagten Hypes nicht als anti bezeichnen, sondern schlicht und ergreifend als „nicht dafür“„nicht begeistert“ oder „nicht interessiert“ … :)

Alles in Allem frage ich für meinen Teil lieber weiterhin erstmal einmal nach, was den Emotionshaushalt meiner Mitmenschen betrifft, bevor ich sie als anti deklariere und bleibe dann  gegebenenfalls lieber beim guten alten „Ich bin dagegen…“ ;)

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Emotionally taken…

Vor ein paar Stunden habe ich einen Emotionscrash erlebt. Ich hatte ein Drehbuch gelesen. Wie gebannt sog ich die Worte in mich auf, inhalierte sie förmlich. Und spürte wie sich da etwas um mein Herz legte. Es solange piesackte, bis es nachgab und einfach nur fühlte… Als ich das Drehbuch beendet hatte, war ich vollkommen konfus. Gefühlsmäßig neben der Spur. Als hätte ich die Geschichte, die ich da gerade konsumiert habe selbst erlebt. Auch Minuten danach zittern meine Hände, das Herz raste. Die Gedanken schwirrten und die Augen kämpften mit drohender Feuchtigkeit. Ich war emotional ergriffen. Hatte das Gefühl zu platzen.

Das erinnerte mich an ein Gespräch vor nicht all zu langer Zeit. Mein Gesprächspartner berichtete von einem Kinobesuch und wunderte sich, dass er von dem Film emotional so angetan war, dass er drauf und dran war, sich in ein Auto zu setzten, zu seinem kranken Vater zu fahren und ihm endlich mal zu sagen, dass er ihn liebt. Trotz all der Dinge die zwischen ihnen stehen. Er tat es nicht. Viel zu überrumpelt war er von dem plötzlichen Gefühlsausbruch, der da so unverblümt emporschoss. Viel zu ergriffen war er, dass er angestachelt durch einen Film seine eigenen Gefühle wahrnehmen konnte, wo es ihm im realen Leben so schwer fällt diese zu orten, zu deuten und vor allem auch zu leben. Ich dachte nicht weiter drüber nach, als er mir das erzählte. Dachte, gut möglich, mir persönlich aber schon lange nicht mehr passiert. Bis eben…

Und deshalb kam ich ins grübeln. Erinnerte mich an ähnliche Gespräche, Situationen, etc. Und musste feststellen, dass es wohl einigen so geht. Also absolut nicht verwunderlich. Immerhin ist es viel einfacher ein fremdes Schicksal an sich heran zu lassen, als sein eigenes. Also ein fiktives Schicksal. Wo man sich so richtig in die Emotionen fallen lassen kann, weil man davon ausgeht, dass sie auf Dauer bei einem selbst nichts verändern wird. Weil man in diesem Moment die Zeit hat, sich darauf einzulassen. Weil man nicht abgelenkt ist, sondern den Fokus wirklich auf die Geschichte und die Gemütsbewegungen legen kann. Und dann passiert es eben vielleicht, dass man an die fiktiven Emotionen anknüpfen kann. Weil man diese vielleicht auch kennt. Weil man sie selbst bereits lange in sich trägt, aber noch keinen Moment gefunden hat um sich damit auseinander zu setzten. Sich die Zeit vielleicht auch gar nicht gegönnt hat. Ja, und dann kann es eben sein, dass man einen Film sieht, ein Buch liest, oder auch nur ein Lied hört und schlagartig geflasht ist. Völlig überwältigt von den Gefühlen die da auf einmal emporschießen wie Pilze aus dem Boden. Ganz und gar irritiert von der Tatsache, dass diese fiktiven Emotionen doch etwas verändern, weil sie zu den eigenen werden. Weil sie den eigenen Emotionshaushalt öffnen. Das eigene Ich angreifen und damit reale Erlebnisse in den Fokus rücken. Ob weitreichender oder auch nur für diesen einen Augenblick ist wohl individuell verschieden. Je nach Typ. Je nach Emotion. Je nach Stärke der Erinnerung. Je nachdem, was man zulässt. Was man ertragen kann und will.

Tanzen wir nämlich in unserem eigenen Film, ist das mit dem fühlen, zulassen und rauslassen der Emotionen so eine Sache. Manche spüren sich vielleicht nicht einmal. Weil sie es sich nicht erlauben. Weil sie durchs Leben hasten und dem Fühlen keine Zeit einräumen. Weil sie fürchten, damit Schwäche zu zeigen. Weil sie Angst haben, sie nicht aushalten zu können. Ihnen nicht gewachsen zu sein. Bedenken hegen, dass sie unangebracht, übertrieben oder auch einfach nur unangenehm sind. Deshalb verdrängen sie all zu oft. Und verschließen sie. Packen sie ein, in Worte und Taten. Fassen sie mit Samthandschuhen an und machen sie somit unnahbar und erträglich. Und vergessen darüber was sie wirklich im Stande sind zu fühlen. An eigenen Emotionen. So können manche am Sarg eines Verwandten stehen und keine Miene verziehen. Wenn jedoch im Film jemand zu Grabe getragen wird, wird ihnen flau im Magen und sie müssen mit den Tränen kämpfen. So können manche Gefühle von Liebe und Zuneigung einfach verdrängen. Lesen sie aber ein Buch, in dem sich zwei Menschen so sehr lieben aber dennoch nicht bekommen, brechen sie in Tränen aus.

Dann erwischt es sie kalt. Nichts ahnend. Unbehelligt. Weil der alltägliche emotionale Trott aus den Angeln gehoben wird. Dann sitzen sie da und fühlen sich wie im falschen Film. Denken: Was ist denn jetzt kaputt? Sehen sich mit Gefühlen, Sehnsüchten und Gedanken konfrontiert, die sie verdrängt hatten. So schön in Watte gepackt hatten. Weil sie sonst aufhalten. Den Alltag unterbrechen und vom Weg ablenken. Aber wer sagt denn, dass das Verlassen des Weges so schlimm ist? Kann man sein Ziel nicht auch mit Umwegen erreichen?

Ist es da nicht sogar ein Segen, dass es Klänge, Bilder und Worte gibt, die uns an unsere eigenen Emotionen erinnern?! Die den Herz- und Hirntresor öffnen um gut verschlossene Erlebnisse und Begegnungen zu Tage zu fördern. Fordern Stellung zu beziehen. Für diesen einem Moment zu spüren und auszuleben. Stellvertretend. Um endlich mal wieder durchatmen zu können. Den Tresor zu leeren. Das Herz zu befreien. Und Platz zu schaffen für all die kommenden Erlebnisse, Ereignisse und Gefühle. Stellt euch nur vor es würde diese Momente nicht geben? Ich sage nur Stau. Explosion. Implosion. Extrem. Und Extreme sind wohl nie gut, oder?

Also raus mit den Gefühlen. Emotionalitly doesn’t mean weakness.